Mehr Wasser und Fett in der Wurst anstelle von echtem Fleisch. In der Schokolade weniger Kakao, dafür mehr Farb- und Konservierungsstoffe. In der Slowakei und einigen Nachbarstaaten fühlen sich die Bürger wie die Müllhalde Europas.

Die meisten Konsumenten in Westeuropa haben beim Einkaufen bestimmt noch nie darüber nachgedacht, dass ihre Nuss-Nugat-Creme im Supermarktregal eine niedrigere Qualität haben könnte, als in Warschau, Prag, Bratislava oder Budapest. Dort ist das Gefühl, ein EU-Bürger zweiter Klasse zu sein, hingegen schon fast alltäglich geworden.

Schon seit Jahren streiten die Länder der Visegrád-Gruppe mit westlichen Lebensmittelkonzernen darüber, ob diese für den osteuropäischen Markt Produkte minderer Qualität produzieren oder nicht.

Früher der Eiserne Vorhang, jetzt die Nuss-Nougat-Grenze

Erst letzte Woche hatte das slowakische Landwirtschaftsministerium die Qualität von 22 internationalen Markenprodukten aus slowakischen Supermärkten untersucht. Das Ergebnis: Bei jedem zweiten Produkt wurden gravierende Unterschiede zu den gleichnamigen Lebensmitteln im Westen gefunden.

"Es ist nicht zu tolerieren, dass internationale Konzerne in die osteuropäischen Länder Waren liefern, die qualitativ deutlich schlechter sind als die gleichnamigen Produkte, die in westeuropäischen Regalen liegen."
Robert Fico, Regierungschef der Slowakei

Ähnliches Ergebnis in Ungarn. Dort soll der Nuss-Nugat-Brotaufstrich Nutella weniger weich und cremig sein, die Schokolade Ritter Sport weniger im Mund schmelzen und eine bestimmte Tütensuppe nur etwa halb so viele Fleischbällchen enthalten.

Lebensmittelkonzerne, die sich zu den Vorwürfen geäußert haben, wollen aber nichts davon wissen, für den Osten Europas Produkte minderwertiger Qualität zu produzieren. Überall kämen dieselben Rezepte zum Einsatz.

Allerdings könne es aufgrund lokaler Geschmacksvorlieben vorkommen, dass Produkte in der Farbe, dem Geschmack oder der Konsistenz auch mal Unterschiede aufweisen. Das hätte aber nichts damit zu tun, dass man bewusst an der Qualitätsschraube drehe.

EU-Politik ist auf Seiten der Konzerne

Bisher gibt kein Konzern offiziell zu, die Qualität der eigenen Produkte an unterschiedliche Märkte anzupassen. Ein Grund dafür, dass es doch so sein könnte, ist die niedrigere Kaufkraft der Menschen in Osteuropa.

"Die meisten Lebensmittel und Markenprodukte sind in den westlichen Ländern wegen der stärkeren Konkurrenz sogar billiger als bei uns. Das Argument, die Qualität werde wegen der niedrigeren Preise reduziert, ist also falsch."
Milos Lauko vom slowakischen Lebensmittelverband

Unterstützung erhalten die Lebensmittelkonzerne von der EU-Gesetzgebung. Demnach existiert keine Pflicht, Produkte flächendeckend mit den gleichen Zutaten herzustellen. Dermaßen desillusioniert suchen die Menschen in den betroffenen Ländern nach anderen Lösungen.

Viele Slowaken fahren zum Beispiel gerne nach Österreich rüber zum Shoppen. Und in Tschechien gibt es Websites, über die deutsche Waren direkt aus dem Supermarkt bestellt werden können.