Überall in Deutschland fehlen Lehrer. Besonders krass ist die Situation in Brandenburg. Ohne Quereinsteiger wären dort viele Schulen dicht. Unsere Reporterin war vor Ort.

Lehrermangel herrscht überall in Deutschland - aber in Brandenburg ist die Situation besonders schwierig: Jedes Jahr werden dort rund 1000 Lehrer gebraucht, aber nur 450 Lehramtsstudenten machen jährlich ihren Abschluss. Im vergangenen Jahr war jeder fünfte Lehrer dort ein Quereinsteiger. 

Benjamin Gocht ist einer von ihnen: Der 35-Jährige ist eigentlich Diplom-Biologe. An der Universität hat er zu medizinischer Mikrobiologie geforscht. Mit den dortigen Hierarchien und dem Arbeitsalltag ist er nicht gut zurecht gekommen. Deswegen hat er sich entschieden, als Lehrer zu arbeiten und fühlt sich auch viel wohler damit. Auch, wenn er fachlich extrem überqualifiziert ist.

Ein Quereinsteiger unterrichtet in einem Klassenzimmer.
© Vanja Budde | Deutschlandfunk Nova
"Ich fühlte mich hier sofort gut aufgenommen": Benjamin Gocht arbeitet als Quereinsteiger im Lehrerberuf.

Quereinsteiger wie Benjamin Gocht, das sind Akademiker, die Physik, Mathe, Chemie oder Sprachen studiert haben, sich fachlich sehr gut auskennen, aber eben nicht unbedingt den pädagogischen Herausforderungen gewachsen sind.

"Die Kollegen kommen mit einer hohen Fachlichkeit an die Schule, aber ohne Kenntnisse über pädagogisch-methodisches Vorgehen und ohne Sicherheit in der Unterrichtsplanung."
Ines Schwerdt, Schulleiterin an der Friedrich-Ludwig-Jahn-Oberschule in Luckenwalde

Pädagogische Ausbildung fehlt 

Seit fast drei Jahren unterrichtet Benjamin Biologie und Chemie. Von Unterrichtsvorbereitung, Pädagogik und Benotung verstand er am Anfang nichts. Und Fortbildungen für Quereinsteiger gab es in Brandenburg bislang erst nach einem halben Jahr Lehrertätigkeit. Für Benjamin war es ein Sprung ins kalte Wasser. Aber die Kollegen haben ihn gut unterstützt, erzählt er, sodass er den Einstieg schaffte.

"Wir haben vor zehn oder vor 15 Jahren versäumt, ausreichend Lehrkräfte auszubilden. Das ist ein riesen Dilemma."
Günther Fuchs, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Nicht jeder Kandidat ist geeignet und arbeitet so engagiert wie Benjamin Gocht, erzählt Ines Schwerdt, seine Schulleiterin in Luckenwalde. Sie hat schon viele Quereinsteiger schnell kommen und wieder gehen sehen.

Besonders an Grundschulen fehlt Personal

Ohne die Seiteneinsteiger könnte der Schulbetrieb in Brandenburg gar nicht weiterlaufen. Die Situation ist personell so schwierig, dass demnächst auch Interessenten mit Bachelor- oder Fachhochschulabschlüssen berücksichtigt werden sollen. Günther Fuchs von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert, dass die Landesregierung es seit Jahren verschlafen habe, genügend Lehrer auszubilden. Darum sei man auf die Quereinsteiger angewiesen.

"Seit ungefähr drei, vier Jahren stellen wir mit großer Sorge fest, dass wir im Grundschulbereich bei den ausgeschriebenen Stellen zwei Drittel Seiteneinsteiger einstellen müssen, weil gar niemand da ist."
Günther Fuchs, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Es gibt auch Kritiker des Quereinsteiger-Konzepts. Besonders ausgebildete Lehrer erkennen bei Seiteneinsteigern im Kollegium schnell deren Schwachstellen. Manche Lehrer plädieren aus diesem Grund dafür, den Unterricht lieber ausfallen zu lassen, als einen Quereinsteiger einzustellen.

"Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Manchmal wäre es mir lieber, Unterricht würde ausfallen, als von einem Quereinsteiger gemacht zu werden."
Ein junger Lehrer, der viele Quereinsteiger für ungeeignet hält

Um in Zukunft pädagogisch weniger qualifizierte Neueinsteiger möglichst schnell für den Lehrerberuf fit zu machen, hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sich mit der Landesregierung auf ein neues Konzept geeinigt.

Geplant ist, den Bewerbern vor dem Start an der Schule eine dreimonatige Kompaktausbildung anzubieten. Wenn die befristet angestellten Kandidaten sich bewähren, dürfen sie an einer berufsbegleitenden Qualifizierung teilnehmen. Dafür will die Landesregierung rund 13 Millionen Euro im Jahr bereitstellen. 

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