Wir können pro Minute im Durchschnitt rund 200 Wörter lesen. Schnelllesetechniken versprechen: Das geht schneller. Doch wer zu schnell liest, läuft Gefahr, den Text nicht wirklich zu verstehen.

Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie schnell ein Mensch einen Text liest - und unser Lesetempo hängt außerdem stark davon ab, welchen Text wir lesen. DRadio-Wissen-Reporterin Julia Möckl schafft zum Beispiel rund 180 Wörter pro Minute in einem Buch über "Grenzfragen der Wissenschaft". Bei Harry Potter wäre sie da eventuell etwas schneller gewesen.

Diese Faktoren spielen bei der Lesegeschwindigkeit eine wichtige Rolle:

  • interessiert mich der Text?
  • ist der Text einfach oder verschachtelt geschrieben?
  • wie viel Vorwissen bringe ich mit?
  • wie geübt bin ich im Lesen?
  • wie gut kann ich mich dabei konzentrieren?

Für manche Bücher brauchen auch gewiefte Leser länger, erklärt Lydia Herms, die bei DRadio Wissen jede Woche das perfekte Buch für den Moment vorstellt: "Manche Bücher, die lesen sich schneller, und für manche brauche ich tatsächlich länger. Ich bin schneller geworden in dem Sinne, dass ich mehr in der Lage bin, Umliegendes auszublenden."

Lesen, lesen, lesen

Rotraut Hake-Michelmann ist Lesetrainerin und Vorsitzende des Vereins Deutsche Gesellschaft für berufliches Lesen. Sie empfiehlt: Tägliches - gerne auch lautes - Lesen macht auf Dauer schneller. Und sie hat noch einen wichtigen Tipp: Jeder Mensch hat sein eigenes Lesetempo und sollte das auch nicht allzu sehr beeinflussen. Sie sagt: Wer schon 500 Wörter die Minute liest, kann sich nicht mehr allzu stark steigern - ohne dass es auf Kosten des Text-Verstehens geht.

"Man kann nicht sagen, dass ein schneller Leser Texte schlechter versteht als ein langsamer Leser. Aber wenn man versucht, sein eigenes Lesen zu beschleunigen, dann ist das in jedem Fall schlecht."
Rotraut Hake-Michelmann über das richtige Lesetempo

Querlesen statt Speed-Reading

Es gibt verschiedene Speed-Reading-Techniken, trotzdem solltet ihr nicht zu schnell werden. Denn dann könntet ihr ihr am Ende gar nichts mehr verstehen. Besonders zur Prüfungsvorbereitungen empfiehlt Rotraut Hake-Michelmann, sich lieber auf die wesentlichen Teile zu beschränken und die dafür gründlich durchzuarbeiten, statt ganz viel ganz schnell zu lesen.

Wenn ihr beruflich häufig sehr große Textmengen zu bewältigen habt, lohnt es sich, die Papiere erst einmal in Ruhe zu scannen, um sich einen Überblick zu verschaffen - das gute alte "Querlesen".

Querlesen bedeutet: Sich erst einmal einen Überblick über das Textmaterial beschaffen und Stellen, die wichtig erscheinen, ganz gezielt punktuell nacharbeiten."
Rotraut Hake-Michelmann über das Querlesen