Durch die erste Corona-Infektion auf Lesbos sind viele Hilfsorganisationen beunruhigt. Sollte das Virus die überfüllten Flüchtlingslager erreichen, sind ihm die Menschen schutzlos ausgeliefert. Gesundheitsexperte Marwin Meier fordert eine Evakuierung des Lagers.

Die Lage im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos spitzt sich zu. Nicht zuletzt seitdem vergangene Woche der erste bestätigte Fall einer Coronavirus-Infektion auf der griechischen Insel bekannt wurde.

Wie soll Social Distancing mit 20.000 Menschen auf engstem Raum funktionieren? Gar nicht, sagt Marwin Meier. Als Gesundheitsexperte arbeitet er für das christliche Hilfswerk World Vision Deutschland und kennt Flüchtlingslager in den verschiedensten Konfliktregionen der Welt.

20.000 Menschen, wenig Platz und kein Schutz

Die Sorge vieler Hilfsorganisationen um die Menschen in und um das Flüchtlingslager auf Lesbos ist daher gerade sehr groß, sagt er. Zwar gebe es bisher keine Corona-Patienten im Flüchtlingslager, Schutzmaßnahmen gegen das Virus aber auch nicht. Weder ausreichend Seife noch genügend Wasser. Stellenweise müssen über 1000 Menschen eine Wasserstelle gemeinsam benutzen, berichtet der Gesundheitsexperte.

"Der erste Corona-Fall auf Lesbos ist jetzt eine große Sorge vieler Hilfsorganisationen, angesichts der doch sehr dramatischen Unterversorgung mit allen möglichen Dingen."
Marwin Meier, Gesundheitsexperte beim christlichen Hilfswerk World Vision Deutschland

Denn der Raum in Moria ist begrenzt. Eigentlich war das Flüchtlingslager für 3000 Menschen ausgelegt. Jetzt sind es knapp siebenmal so viel. Zwei Meter Abstand halten ist da eine Illusion, sagt Marwin Meier, selbst für einen Meter fehlt der Platz. "Die Familien leben zu fünft und sechst in Zelten, die drei Quadratmeter groß sind", so Meier.

"Sachen wie Social Distancing oder einfach nur Händewaschen sind kaum möglich, wenn es keine Seife gibt und sich in Teilen des Lagers 1300 Menschen eine Wasserstelle teilen müssen."
Marwin Meier, Gesundheitsexperte beim christlichen Hilfswerk World Vision Deutschland

Die Angst vor einer schnellen und massiven Ausbreitung des Virus steige daher mehr und mehr. Zumal die Menschen abseits der Schutzmaßnahmen dramatisch unterversorgt sind, berichtet er. Viele von ihnen seien bereits erkältet und das Immunsystem Vieler sei durch die Zustände im Flüchtlingslager angeschlagen. Neben der katastrophalen medizinischen Versorgung – ein Arzt kümmert sich um die über 20.000 Geflüchteten – fehle es auch an Lebensmitteln.

Lager evakuieren und Menschen schützen

Für Marwin Meier ist daher klar: Die Menschen müssen das Flüchtlingslager verlassen. In Moria sind sie weder ausreichend gesundheitlich versorgt noch geschützt. Und wohin? Das ist derzeit noch offen. Auf den anderen griechischen Inseln sieht die Lage ähnlich aus wie auf Lesbos.