Das klassische Beziehungsmodell von zwei Menschen die sich für immer lieben, funktioniert für manche so nicht – auch nicht für Lio. Andrea Newerla ist Soziologin und forscht zu Intimität, Online-Dating und Beziehungsmuster jenseits heteronormativer Standards.

In der Partnerschaft funktioniere für Lio eine Art platonische Beziehung am besten. Vorstellen könne man sich das als eine intensivere, enge Freundschaft zu einer Person wie unter besten Freund*innen, aber eben ein Level weiter, sagt Lio. Die Grenzen zwischen Freundschaft und romantischer Beziehung können dabei verschwimmen. Der Fokus liege aber meist auf der freundschaftlichen Ebene, was aber sexuelle Aktivitäten nicht ausschließen würde. Auch zu sagen, "ich liebe dich", könne vorkommen.

Lio
© Lio
Das klassische Beziehungsmodell funktioniert für Lio nicht

Eine Beziehung sei für Lio kein starres Konstrukt wie bei einer klassischen, romantischen Beziehung. Ausprobiert habe Lio das zwar, aber das sei nichts gewesen. Es fehlten die romantischen Gefühle, Lio habe unter Erwartungsdruck gestanden und auch das Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit war unangenehm.

"Ich fand zum Beispiel Händchenhalten oder Küssen in der Öffentlichkeit total unangenehm. Das war überhaupt nicht meins in dem Moment. Da habe ich einfach gemerkt, dass es irgendwie nicht so passt."
Lio

In ihrer aktuellen Beziehung sei Lio viel glücklicher. Ständiges Küssen und Händchenhalten, da seien Lio und ihre Freundin nicht unbedingt der Typ für. Und auch wenn beide polyamor leben, also auch Beziehungen zu anderen Menschen nicht ausschließen, mit niemandem sei Lio derzeit sonst so eng oder intim.

Auf der Suche nach einem passenden Liebesmodell habe sich Lio viel Zeit gelassen, aber dabei die Dinge meist auf sich zu kommen lassen. Lio bezeichnet sich heute als "grauromantisch". Das heiße, dass Lio nur manchmal romantische Anziehung empfinde. Das sei auch nie das Ziel, das Freundschaftliche in einer Beziehung stehe bei Lio immer im Vordergrund. Entwickle sich aus einem Kennenlernen einfach nur eine enge Freundschaft, sei auch das für Lio völlig in Ordnung.

Klares Bild von romantischen Beziehungen

Andrea Newerla ist Soziologin an der Paris Lodron Universität Salzburg. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Intimität, Online-Dating und Beziehungsmuster jenseits heteronormativer Standards. Romantische und freundschaftliche Beziehungen sagt sie, werden auch in der Soziologie bestimmt. Der freundschaftliche Begriff sei dabei ein viel weiterer als der romantische.

Das Bild einer romantischen Liebesbeziehung sei ziemlich klar: tiefe Gefühle, Treue, Monogamie bis hin zur Institutionalisierung durch Ehe unter anderem. Wir würden es aus Filmen kennen, aber auch von unser Elterngeneration. Die Muster, Bilder und Praktiken hätten wir oft von klein auf gelernt.

"Wir haben Bilder und Praktiken im Kopf zu so einer romantischen Liebesbeziehung. Und die haben wir von klein auf gelernt. Das ist mit unserer Sozialisation in uns als Gedanke und auch als Praktik entstanden."
Andrea Newerla, Soziologin

Freundschaftliche Beziehungen dagegen seien viel weiter gefasst und vielfältiger. Es gebe nicht die eine Freundschaft, sondern viele Variationen. Freundschaft lasse sich nicht institutionalisieren wie eine Ehe beispielsweise, sie folge keinem Regelwerk, sie lasse sich sehr frei, individuell und persönlich gestalten und es bedarf auch keiner Ansprache wie: "Wir sind jetzt Freunde".

Beziehungen und Identitäten dürfen sich ändern

Bei intimen Beziehungen sei heute sehr vieles möglich, so die Soziologin. Das Ideal der romantischen Beziehung würde aber weiterhin noch bestehen. Vielfalt auf der einen Seite, das Ideal in den Köpfen auf der anderen Seite – das mache es für manche Menschen schwer, sich selbst zu bestimmen. Gleichgeschlechtliche Liebe, individuelle und ausgefallene Beziehungsformen führen häufig immer noch zu Rechtfertigungen und bewertenden Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft – gemessen an dem Maßstab eines klassischen Beziehungsmodells.

Andrea Klein
© Andrea Newerla
Andrea Newerla forscht zu Intimität, Online-Dating und Beziehungsmustern

Andrea Newerla forscht unter anderem auch im Bereich Online-Dating. Das, so die Soziologin, könne ihrer Meinung nach zu einer Sichtbarkeit von Vielfalt führen. Menschen würden hier auf neue, alternative Betrachtungen und Modelle stoßen. Manche von ihnen mache das neugierig und sie fangen selbst an, zu experimentieren. Andere wiederum würden die vielen Möglichkeiten erschrecken, weil sie die klassische, monogame Liebesbeziehung suchen. Das sei eines der großen Spannungsfelder beim Online-Dating.

"Die Freiheiten der liberalen Gesellschaft, in der wir leben, ist, dass wir uns als Menschen uns verändern dürfen. Und genauso dürfen sich auch unsere Beziehung und Identitäten verändern."
Andrea Newerla, Soziologin

Eine Beziehung würde die Soziologin eher nicht als ein fixiertes, unwandelbares Konstrukt betrachten. "Die Freiheiten der liberalen Gesellschaft, in der wir leben, ist, dass wir uns als Menschen uns verändern dürfen. Und genauso dürfen sich auch unsere Beziehung und Identitäten verändern", so Andrea Newerla.

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