Hätte Lilly Lindner ihre Geschichte als Drehbuch vorgeschlagen - es wäre abgelehnt worden. Zu brutal. Zu unwahrscheinlich vielleicht auch. Und doch ist es ihr Leben, das die junge Autorin in ihren Büchern verarbeitet. Sie erzählt von den Vergewaltigungen durch ihren Nachbarn, ihrer Magersucht und ihrem Weg in ein Bordell.

"Splitterfasernackt" hieß dieser Debütroman, der 2011 veröffentlicht wurde. Darin erzählt sie eine Geschichte, die so unglaublich wie schockierend ist. Es ist die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens, das von einem Nachbarn missbraucht wird. Einem Mädchen, das von den Eltern nicht gesehen wird und das irgendwann versucht, zu verschwinden.

Mit 13 Jahren wird Lilly Lindner magersüchtig. Sie versucht sich umzubringen, landet in der Psychiatrie und weist sich ins Kinderheim ein. Als sie die Schule abbricht, ist sie 17 Jahre alt. Sie wird entführt und erneut von einem Fremden vergewaltigt. Ihr Körper gehört ihr längst nicht mehr. Das hat sie begriffen. Also beginnt sie, ihn zu verkaufen. In einem Edelbordell.

Lilly Lindner lächelt in die Kamera
© Lilly Lindner
"Splitterfasernackt" hieß der Debütroman von Lilly Lindner. Sie gilt als literarisches Ausnahmetalent.

Worte für das Unbeschreibliche

Dass Lilly Lindner über all diese traumatischen Erlebnisse schreibt, die ihr als Kind, als Jugendliche und junge Frau passiert sind, ist ein kleines Wunder. Lange hat sie geschwiegen. Noch länger haben ihre Eltern nichts von dem gemerkt, was ihrer Tochter zugestoßen ist. Dass diese zerbrechliche, junge Frau heute eine gefeierte Schriftstellerin ist, die für das Unbeschreibliche am Ende doch Worte findet, kann sie manchmal selbst kaum glauben.

"​Ich bin jetzt fast 30 Jahre alt und dann gibt es wieder diese Tage, an denen ich aufwache und mich fühle wie damals. Und dann vergesse ich, dass ich gewachsen bin."
Lilly Lindner (29) fühlt sich bis heute immer wieder so unsicher, wie sie als Kind war

Aber Lilly Lindner hat es geschafft. Sie hat ihre Stimme wiedergefunden. Hat einen Weg gefunden, all das in Worte zu kleiden, was ihr wiederfahren ist. Seit "Splitterfasernackt" sind inzwischen drei weitere Bücher erschienen. Wenn sie nicht schreibt, dann ist Lilly Lindner auf Lesereise. Sie liest vor allen an Schulen. Denn ihre Schulzeit war es, in der sie fast zerbrochen wäre, an dem, was sie erlebt hat.

"Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich ganz viele Lesungen machen muss, um den Menschen eine Stimme zu geben, die keine haben. So wie ich damals."
Bis heute kämpft Lilly Lindner gegen ihre Magersucht - eine Erfahrung, die sie anderen ersparen will

Die Magersucht als Ende

Die Vergewaltigungen durch den damals noch jugendlichen Nachbarn sind für Lilly Lindner nicht der Anfang ihrer Magersucht. Diese traumatischen Erlebnisse sind ein Ende. Das Ende ihrer Kindheit. Sie hört auf zu spielen, weil die Spiele ihr sinnlos erscheinen. Stattdessen beschäftigt sie sich mit Essen. Vor allem mit dem, was sie nicht mehr essen könnte. Und das ist eine ganze Menge. Zuerst war es Schokolade. Die Schokolade, die ihr Peiniger ihr gab, wenn er sie missbraucht hatte.

"Ich wusste, wenn man Pech hat, dann versteckt man sich und es kommt keiner, der einen findet, oder man wird von dem Falschen gefunden."
Irgendwann hört Lilly Lindner auf zu spielen

Sie hatte das Gefühl, ihren Körper gegen diese Schokolade eingetauscht zu haben. Also sollte ihr Körper verschwinden. Und je weniger von ihrem Körper da war, desto weniger Schmerz konnte diesem Körper zugefügt werden. Und so beginnt Lilly Lindner im wahrsten Sinne des Wortes zu verschwinden, indem sie immer weniger wurde. Ein dünner, fast unsichtbarer Körper - gehüllt in Schweigen.

"Es sind die Worte, die mich am Leben halten"

Als Lilly Lindner ihr Schweigen bricht, ist es fast zu spät. Sie hat ständig Schwindelanfälle, ihr Kreislauf macht nicht mehr mit, sie kann kaum laufen. Die Ärzte glauben kaum, dass sie sich noch einmal erholt. Und irgendwann fällt der jungen Frau auf, dass sie noch nie jemandem von ihrem Schicksal erzählt hat. Nicht mal ihren engsten Freunden. Also beginnt sie, alles aufzuschreiben. Damit ihre Geschichte Gehör findet, wenn sie vielleicht nicht mehr ist.

"Ich kann schon verstehen, dass, wenn ich an meine eigene Geschichte nicht glauben möchte, dass andere Leute das auch nicht können."
Manchmal weiß Lilly Lindner selber nicht, wie das alles so passieren konnte.

Das Manuskript schickt sie an einen Literaturagenten. Kurze Zeit später meldet sich der Literaturagent bei ihr und nur sechs Wochen später erhält sie die Zusage für eine Veröffentlichung. Und natürlich kommt die Frage auf, ob das, was sie da aufgeschrieben hat, wirklich so passiert sein kann. "Nicht böse gemeint", sagt Lilly Lindner - schließlich kann sie manchmal selbst kaum glauben, dass ihr das wirklich so passiert ist. Die Veröffentlichung des ersten Buches, das Schreiben, die Worte sind schließlich ihre Rettung. Sie leidet bis heute unter den Langzeitfolgen ihrer Anorexie. Aber sie ist. Sie schreibt. Und sie hat eine Stimme gefunden. Für sich und all die, die selbst nicht zu sprechen wagen.