Filippo Bernardini aus London wollte schon vor allen anderen seine Lieblingsbücher lesen. Also klaute er die unveröffentlichten Manuskripte. Korrespondent Peter Mücke erklärt, wie Bernardini an die Manuskripte kam und was für eine Strafe ihm nun droht.

Es klingt wie eine Geschichte aus einem Film. Der 29-Jährige italienischstämmige Verlagsmitarbeiter Filippo Bernardini erschleicht sich über fünf Jahre die Manuskripte bekannter Autor*innen und fliegt erst jetzt auf. Aber wie kam es überhaupt dazu?

"Diese Manuskripte von den Topautoren sind unter Verschluss wie in einem Banksafe."
Peter Mücke über die Sicherheit in der Buchbranche

Die Liebe zum Buch ging in Bernadinis Fall so weit, dass der Täter sich unfassbar große Mühe machte, um vor der Veröffentlichung an seine Lieblingswerke zu kommen. Seine Masche: Er legte über 160 Webseiten an, die eine sehr gut gemachte Kopie der wichtigsten Verlagshäuser der Welt waren. Nur ein paar kleine unauffällige Fehler wie Buchstabendreher hätten auf ein Fake hinweisen können. Über diese Domains kontaktierte er im Namen wirklich existierender angesehener Verlagsmitarbeiter bekannte Verlage und Agent*innen von Autor*innen. Die Antworten auf diese Mails gingen dann aber an die falsche Adresse – an die des Bücherdiebs.

Der Vorteil: Insiderwissen

Klingt zunächst doch recht einfach, ist es aber nicht! Um wirklich an die Manuskripte zu kommen, braucht es das Wissen über den Sprachjargon in der Branche und weiteres Insiderwissen über das richtige Timing. Dieses Wissen hatte Filippo Bernardini aus seiner Tätigkeit in der internationalen Rechteverwertung eines der größten amerikanischen Verlagshäuser Simon & Schuster.

"Man muss ja wissen, der Autor X hat gerade einen Roman fertig geschrieben und jetzt sucht der Verlag Y einen Kooperationspartner. Der Mann hat vor allem so viel Erfolg gehabt, weil er das Geschäft kennt."
Peter Mücke, Korrespondent in New York

Bisher ist noch unklar, wie viele Manuskripte so wirklich in seinen Besitz gelangten. Bekannt ist, dass er sich unter anderem die Memoiren des Schauspielers Ethan Hawke, sowie Bücher von den berühmten US-Autoren Anthony Doerr und Torrey Peters erschleichen konnte. Bei einem Manuskript der kanadischen Bestseller-Autorin Margaret Atwood gelang es ihm – trotz des riesigen Aufwands – nicht, an das neueste Werk zu kommen. Neben bekannten Autor*innen verschaffte sich Bernandini aber auch Zugang zu Erstlingswerken unbekannter Autor*innen, die er unbedingt lesen wollte.

Demnächst viel Zeit zum Lesen

Aber was ist mit den Manuskripten passiert, nachdem Bernardini Zugang dazu hatte? Die faszinierende Antwort ist: Er hat sie gelesen. Der Dieb hätte einen riesigen finanziellen Gewinn durch Erpressung oder den Verkauf im Darknet machen können, hat er aber nicht.

"Ein Bücherdieb, der die Bücher liebt, er hat sie sich wahrscheinlich einfach in den Schrank gestellt."
Peter Mücke über die Intention des Bücherdiebs

Über die Hintergründe der Festnahme ist bisher wenig bekannt, außer dass Filippo Bernardini bei der Einreise in die USA vom FBI verhaftet wurde und das FBI ihn schon länger verfolgt hatte. Mittlerweile ist er gegen eine Kaution wieder auf freiem Fuß. Für sein Verbrechen sind im Verfahren jedoch zwei bis zwanzig Jahre Haft angesetzt worden. In dieser Zeit wird er wohl viele Bücher lesen können.