In "Das Ereignis" erzählt Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux die Geschichte, wie sie als Studentin in den 1960er Jahren ungewollt schwanger wurde – und abgetrieben hat. In einer Zeit, in der Abtreibung verboten war – und sie von Ärzten keine Hilfe bekam.

"NICHTS" – in Großbuchstaben schreibt Annie dieses Wort in ihren Kalender und unterstreicht es mehrmals dick. Seit über einer Woche trägt sie es jetzt schon mit sich herum – diese Leere, die keine ist. Diese Schwere, die sie noch nicht benennen kann, weil sie noch hofft, dass ihr Körper nachzieht und menstruiert.

"Es ist ein sonniger Tag im Oktober 1963, als Annie klar wird, dass Hoffen nichts bringt, dass ihre Tage nicht kommen werden, und dass sie diese Erkenntnis nicht ignorieren kann."
Lydia Herms über "Das Ereignis" von Annie Ernaux

Sie ist dreiundzwanzig und studiert. Sie kann nicht das sein, was das Ausbleiben ihrer Menstruation unweigerlich bedeutet. Sie trifft sich weiterhin mit Freundinnen, geht ins Kino, ins Theater. Nur kurz vor dem Zubettgehen, wenn sie in ihren Kalender guckt und den Tag Revue passieren lässt, oder wenn sie plötzlich, mitten in der Nacht aufwacht, dann weiß sie es.

Ende Oktober holt sich Annie einen Termin bei einem Gynäkologen, bei Doktor N. für den achten November. Ein Datum, das sie nie wieder vergessen wird. Eines von mehreren, die mit dieser Geschichte zusammenhängen. An manche dieser Termine wird sie sich selbst sechsunddreißig Jahre später noch so gut erinnern können, als würde alles noch einmal genau so passieren.

Ungewollt Schwanger

Der große grüne Pullover verdeckt nur dürftig ihre Scham. Er schützt Annie nicht vor dem Grinsen des Doktors, als er ihr ein Rezept in die Hand drückt und zum Abschied darauf hinweist, dass Kinder der Liebe doch am schönsten seien. "Ich bin schwanger. Wie schrecklich", schreibt Annie in ihren Kalender.

Eine junge Frau hat Sex mit einem Mann und wird ungewollt schwanger. Das passiert. Es ist etwas, das vielen Frauen auf der ganzen Welt passiert. Und für jede einzelne von ihnen markiert dieser Fakt eine persönliche Krise. 1999 hat die französische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux ihre eigene persönliche Krise aufgeschrieben, 36 Jahre, nachdem es ihr selbst passiert ist, als sie ungewollt schwanger war. "L' événement" heißt dieser autobiografische Text.

2021 erscheint dieser Text auch auf Deutsch, mit dem Titel "Das Ereignis". Das klingt schon ziemlich nüchtern. Aber er passt. Die Geschichte beginnt wie ein Protokoll: Wer. Wann. Wo. Was. Annies Menstruation bleibt aus. Sie wartet. Aber dann kommen die Verzweiflung und der Schmerz. Dann kommen die Details. Annie Ernaux lässt nichts aus. Nicht, wie sie die Blicke der Menschen wahrnimmt, denen sie sich anvertraut. Die Lust in den Blicken der Männer, und die Scham in den Blicken der Frauen. Sie lässt nicht aus, wie herablassend ihr der Arzt begegnet, und die Krankenschwester im Wohnheim der Studentinnen.

Abtreiben ist verboten

Sie erzählt, wie sie nicht mehr studieren kann, weil sie einfach immer und überall an das "Ding" in ihrem Körper denken muss. So nennt sie es in ihrem Tagebuch: Ding. Sie will es nicht. Es soll weg. Aber das ist verboten im Frankreich der 1960er Jahre.

Wer eine Abtreibung durchführt oder dabei hilft, kommt ins Gefängnis. Das Kind auszutragen, ist für Annie jedoch eine viel schrecklichere Vorstellung, als gegen ein Gesetz zu verstoßen. Sie kann dann alles vergessen: das Studium, die Perspektiven, die sie sich dadurch erarbeitet hat. Sie ist die erste in ihrer Familie, die studiert, sie ist ein Arbeiterkind. Sie hat kein Geld. Und der potentielle Vater studiert auch, sogar in einer anderen Stadt, und mehr als Sex war da eigentlich auch nicht zwischen den beiden.

Aber wie beendet man eine Schwangerschaft, wenn man darüber nicht mehr weiß, als in Filmen angedeutet wird, wenn man niemanden fragen kann? Wie findet man eine Spur? Annie Ernaux findet sie.

Die Autorin

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Bücher werden von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert. Für ihr Werk wird sie 2022 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Das Buch

"Das Ereignis" (Originaltitel: "L' événement", 2000) von Annie Ernaux, aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck, erschienen im Suhrkamp Verlag, knapp 100 Seiten lang, gebundene Ausgabe: 18 Euro, Taschenbuch-Ausgabe: 11 Euro, E-Book: 10,99 Euro, erschienen: 2021.