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Hannah Kent greift in ihrem Roman "Das Seelenhaus" zwei berühmte Mordfälle aus Illugastadir im Norden von Island auf.

Tóti kniet vor dem Altar der kleinen Holzkirche und betet. Der Regen prasselt gegen das Kirchenfenster, ein mit Fischhaut überspanntes Loch. Trotzdem breitet sich eine besondere Stille um Tóti herum aus. Diese Stille tut ihm gut, denn in ihm selbst ist es sehr laut.

Tóti ist der junge Pfarrer von Breidabólstadur. Vor seinen geschlossenen Augen sieht er sie. Er kann ihn riechen, den Geruch ihres vernachlässigten Körpers in verdreckten Kleidern. Den Geruch ihres Schweißes, ihres Blutes und den ihrer weiblichen Mitte.

"Tóti ringt um die richtigen Worte. Um die wahren Worte."
Lydia Herms über den Roman "Das Seelenhaus" von Hannah Kent

Sie hatte gerochen und ausgesehen, als wäre sie schon tot. Als wäre sie schon einmal begraben gewesen und dann ausgebuddelt worden, mit ihrem schwarzen, fettigen Haar, der fleckigen Haut und einem leeren Blick aus hellen Augen, hatte sie ihn von ihrem Pferd aus angesehen.

Tóti soll dieser Frau beistehen. Sie hatte nach ihm gefragt, hatte explizit seinen Namen genannt, und er hatte sich nicht vorstellen können, was und wer ihn hier auf dem Kornsáhof erwartete. Er hatte gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen und war als Vikar in den Dienst der Kirche getreten. Und nun gleich sowas: eine Frau, eine Verbrecherin, eine Mörderin – eine Gefangene, die auf den Tod wartet. Agnes.

Die Geschichte beruht auf zwei wahren Morden

In der Nacht vom 13. auf den 14. März 1828 werden auf einem abgelegenen Hof zwei Männer brutal ermordet. Festgenommen, der Tat beschuldigt und kurze Zeit darauf zum Tode verurteilt werden ein Mann und zwei Frauen. Eine von ihnen ist Agnes.

Hannah Kent erzählt in "Das Seelenhaus", wie sich die Wochen nach der Urteilsverkündung zugetragen haben könnten. Denn während es Agnes Magnúsdóttir wirklich gegeben hat, ist das, was sie im Verlauf des Romans dem jungen Pfarrer Tóti anvertraut, ausgedacht.

Die australische Schriftstellerin ist nicht die Erste, die sich in einem Buch den zwei berühmten Mordfällen in Illugastadir im Norden von Island nähert. Aber ihre Interpretation ist eine der spannendsten, findet Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms.

Das Buch

"Das Seelenhaus" (OT: "Burial Rites", 2013) von Hannah Kent, aus dem australischen Englisch übersetzt von Leonie Reppert-Bismarck, Droemer Verlag, 384 Seiten, Taschenbuch: 10,99 Euro, E-Book: 9,99 Euro, Hörbuch gelesen von Tobias Kluckert und Vera Teltz; Erscheinungstag: 21.08.2014.