Stefan aus dem Siepen zeigt uns in seinem Buch "Das Seil", was passiert, wenn wir uns ganz und gar einer Gruppe unterwerfen - weil es bequem ist, weil alle dabei sind, weil es eben so ist. Seine Geschichte beginnt ganz harmlos mit Bernhard, der ein Seil findet, dass sich auf unergründliche Weise in den Wald schlängelt.

Das geheimnisvolle Seil wird Gesprächsthema Nummer eins in Bernhards Dorf. Eigentlich haben die Dorfbewohner wichtigeres zu tun: Die Ernte muss eingeholt werden bevor das nahende Gewitter hereinbricht. Doch die Neugier der Dörfler ist stärker als die Vernunft. Aufbruchstimmung am Waldrand! Bis auf den verletzten Uli, der nicht laufen kann, und den dicklichen Johannes, der ausgewählt wurde, die Frauen und Kinder im Dorf zu beschützen, beladen sich alle Männer mit Proviant, Werkzeug und Waffen, um für einen längeren Marsch durch den Wald gewappnet zu sein.

Stummes Weitertrotten

Die Männer aus dem Dorf wandern, tagelang. Sie folgen einem Seil, das sich durch den Wald schlängelt und nicht endet. Mit der Zeit verfliegt die Euphorie, und flackert nur kurzzeitig auf, als die Wanderer ein verlassenes Dorf finden - und plündern. Irgendwann reden sie kaum noch miteinander und hören stattdessen auf das Jaulen der Wölfe, die die Fährte aufgenommen haben.

Der Anführer

Sie denken an ihre Frauen und Kinder - und auch an die Ernte. Sie sind hungrig. Sie zweifeln. Sie hassen. Und sie kehren doch nicht um. Nur der zwielichtige Lehrer Rauk scheint nicht zu zweifeln. Der sonst so unscheinbare und oft belächelte Mann wird zum Anführer. Niemand widerspricht ihm, zu stark ist sein Einfluss auf die Gruppe, zu schwach sind die Meinungen der einzelnen. Er scheint zu wissen, was zu tun ist. Als sich nach Tagen doch Widerwille regt, ist es fast zu spät. Die stumme Herde gerät in einen Hinterhalt.