• Deutschlandfunk App
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Der Roman "Der letzte Sommer der Tauben" von Abbas Khider erzählt von dem Taubenzüchter Noah. Seine Kindheit endet, als er vierzehn Jahre alt ist – da wird in seinem Heimatland das Kalifat ausgerufen. Ohne sein Tauben würde er verzweifeln.

Noah steht in einer Zelle, etwa acht Quadratmeter groß. Ein kleines vergittertes Fenster gibt den Blick auf eine kahle Mauer frei. In einer Ecke der Zelle liegt ein Stapel Decken. Betten gibt es nicht. Dafür einen Tisch an der Wand, auf dem Koran-Exemplare liegen, und Gebetsteppiche. Der Boden ist kühl, aber die Luft stickig und feucht. Noahs Körper brennt von den Schlägen. Er hat Angst.

Ins Gefängnis verschleppt – mit 14

Sechs junge Männer beobachten Noah neugierig. Keiner von ihnen sagt ein Wort. Noah sucht sich einen Platz in der kleinen Zelle, lehnt sich gegen die Wand, schließt die Augen und denkt an seine Mutter. Sieht, wie sie die Polizei angefleht hat, dass er noch ein Kind sei. Sieht, wie die Männer sie einfach brutal zur Seite gestoßen haben. Hoffentlich hat sie sich bei dem Sturz nicht verletzt, hoffentlich hat sie sich von dem Schock erholt.

Die Männer haben Noah an den Haaren aus dem Haus gezogen. Sie haben ihn in ein Auto gezerrt, ihm Handschellen angelegt und ihm einen Sack übergestülpt. Und jetzt ist er hier.

"Es ist ein Buch, das man mit großer Wahrscheinlichkeit weinend beendet."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Noah weiß nicht, was sie ihm vorwerfen. Und irgendwie weiß er es doch. Noah weiß nur nicht, wie viel die Polizei von dem weiß, was er weiß. Vermutlich geht es um das Plakat, das er und Mohamed vor ein paar Wochen gemalt und nachts gegenüber vom Busbahnhof aufgehängt haben.

Jemand muss sie verraten haben. Vielleicht sind sie auch von alleine darauf gekommen. Mohamed hat mit Al Pacino unterschrieben. Sie haben ihn Al Pacino genannt. In der Schule waren sie die Al-Pacino-Bande: Noah, Mohamed und Shirzad.

Noahs Liebe zu Tauben

Oder er ist hier wegen der Texte, die Noahs Onkel Ali geschrieben hat. Wunderschöne, seltsame und sehr gefährliche Texte über Gott – und über die Tauben. Sie wissen, dass Noah Tauben hält. Er hat ihnen Namen gegeben. Insgesamt sind es vierundzwanzig Vögel. Säße Noah nicht hier, er säße bei ihnen. Vor ihnen kann er weinen. Sie trösten ihn.

Keine Freiheiten mehr

In Noahs Heimatland wird das Kalifat ausgerufen. Bärtige, bewaffnete Männer verteilen zuerst Süßigkeiten und dann raue Befehle. Den Menschen wird alles genommen, was Freude bringt: Musik, Farben, Handys. Aber Noah hat die Liebe seiner Familie – und seine Tauben auf dem Dach.

Und dann beobachtet Noah unfreiwillig schreckliche Dinge auf der Straße. Eine Frau wird gesteinigt, Männer werden aufgehängt. Noah träumt davon. Die Angst frisst sich langsam in sein Herz. Immer häufiger flüchtet er sich zu den Tauben. Er ahnt nicht, dass bald auch das Leben seiner geliebten Vögel in Gefahr ist.

Das Buch: "Der letzte Sommer der Tauben" von Abbas Khider | Hanser Verlag | 215 Seiten | gebundene Ausgabe (Hardcover): 24 Euro / E-Book: 17,99 Euro | Ein Hörbuch gibt es auch: gelesen von Pascal Houdus, 3 Std. und 57 Min. | Erscheinungsdatum: 27. Januar 2026

Der Autor: Abbas Khider wurde in Bagdad geboren und lebt zurzeit in Berlin. 2008 erschien sein erster Roman "Der falsche Inder". Es folgten weitere Werke. Abbas Khider hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, unter anderem mit den Berliner Literaturpreis.

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment ...
… wenn über dir ein Schwarm Tauben Kreise zieht
vom 26. April 2026
Autorin: 
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova