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Der Roman "Die Lücken" von Shida Bazyar erzählt von Heimesbach und den Menschen dort. Es geht um einen Ort, in dem sich mal alle kannten und in dem grauenvolle Dinge passiert sind, aber über die nicht gesprochen wird, und wenn doch, dann nur halb.

Ein seltsamer Platz ist das hier, denkt sich Parvaneh. So leer. Wofür wurde der gebaut, wenn doch nie etwas darauf passiert? "Neuer Markt" steht auf dem Straßenschild.

Für Parvaneh ist ein Platz ein Platz, wenn man etwas auf ihm macht: Picknicken zum Beispiel, Süßigkeiten kaufen oder Spazierengehen. Aber hier ist nur Stille. Eine Stille, die sie kaum aushält und gleichzeitig genießt.

Sie darf hier stehen, ohne etwas zu tun. Sie darf sich gleichzeitig verloren und sicher fühlen. Sie darf über den Platz blicken und sich fragen, wofür es ihn gibt. Hier, in ihrem neuen Zuhause in Deutschland, weit weg von ihrem früheren Zuhause, ihren Erinnerungen im Iran. Und sie darf weinen.

Die Lücken sind überall

Parvaneh lebt jetzt mit ihrer Familie in Heimesbach. Das war mal ein Ort, in dem sich alle kannten und vielleicht noch immer kennen, zumindest die, die noch da sind. Es ist ein Ort, in dem Grausames passiert ist, über das aber nicht wirklich gesprochen wird.

Das Schweigen im Zufluchtsort

Zum Beispiel wenn zwei Arbeiter, Serge und Michi die Häuser von den Verstorbenen in Heimesbach entrümpeln und dabei Sachen finden, die Serge verblüffen und Michi an seinen Nazi-Vater erinnern: Wehrmachtsuniformen und Notizblöcke mit Hakenkreuzen.

Oder wenn der alte Joseph seinem Enkel von früher erzählt, aber beide schnell merken: Sie fragen und antworten aneinander vorbei. Das Grauen wird absichtlich ausgelassen oder auf später verschoben. Aber wann soll das sein, dieses Später? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu erzählen, dass Heimesbach noch vor dem Zweiten Weltkrieg als "judenfrei" gefeiert wurde, dass sich beste Freundinnen und gute Nachbarn verraten haben und dass ein Platz gebaut wurde, um dem Führer zu huldigen?

Heute ziehen Menschen wie Parvaneh und ihre Familie dorthin. Sollten sie die Wahrheit nicht kennen?

Das Buch:

"Die Lücken" von Shida Bazyar. Kiepenheuer und Witsch, 500 Seiten. Hardcover: 25 Euro, E-Book: 19,99 Euro, Hörbuch, gelesen von Banafshe Hourmazdi: 19,59 Euro oder im Stream. Erschienen am: 03.09.2026

Die Autorin:

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debütroman "Nachts ist es leise in Teheran" (2016) wurde mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Uwe-Johnson-Förderpreis und der Nominierung zum International Booker Prize. "Drei Kameradinnen" folgte 2021 und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Für "Die Lücken" wurde Shida Bazyar 2026 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment...
…wenn deine Großeltern von früher erzählen wollen
vom 11. Oktober 2026
Autorin: 
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova