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"Alice" von Marlen Mairhofer modernisiert den Weltliteratur-Klassiker "Alice im Wunderland". Die Alice von 2026 gibt der Geschichte im Gegensatz zu Lewis Carrolls Original von 1865 jedoch einen entscheidenden Twist.

Alice kämpft um Aufmerksamkeit: "Schau, Mama, schau Papa!", brüllt sie. Aber wie oft muss sie noch schreien, bis sich jemand zu ihr umdreht? Alice ist gefangen in der Ignoranz ihrer Umwelt. Sie ändert daher die Taktik: Sie springt höher und ruft lauter. Sie lässt sich fallen steht tapfer wieder auf – bis sie sich wehtut. Aber zumindest dann schauen alle hin. Es ist nicht das angenehmste hinschauen, aber zur Not nimmt Alice auch das in Kauf.

Angeschautwerden vs. Angeschautwerden-Wollen

Nicht immer sollen sie schauen. Das gilt für Verwandte genauso wie für Fremde. Manche schauen komisch oder böse – oder lachend.

Je älter Alice wird, desto mehr verändert sich das Angeschautwerden – und auch ihr Angeschautwerden-Wollen. Beides lässt sich nicht mehr so gut steuern, keine Strategie kann es verlässlich provozieren oder verhindern. Die fremden Blicke engen sie ein. Manchmal hilft nur wegschauen: auf die eigene Schuhe, in die Wolken, oder haarscharf neben die Person, die schaut. Auf eine Tür vielleicht. Oder auf etwas hinter der Person. Jedenfalls schauen die, die sollen, immer noch nicht. Manchmal würde Alice gern selbst jemanden anschauen. Aber das geht nicht.

In kurzen Kapiteln begleiten wir Alice beim Kindsein und Erwachsenwerden. Und wir wissen nahezu immer, wie sie sich dabei fühlt.
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Die angeschaute Person weiß dann, dass Alice schaut. Und weil sie das dann gegen Alice verwenden kann. Deswegen beginnt Alice irgendwann, sich selbst anzuschauen – im Spiegel. Sie schaut in den Spiegel über dem sie hockt. Dabei wechselt sie den Blick zwischen dem, was sie sieht – und dem, was im Faltblatt skizziert ist. Dort sind keine Haare zu sehen. Kein Durcheinander. Und wie das mit dem blöden Tampon funktionieren soll, das weiß Alice auch nicht.

Alice: Das "Wunderland" bleibt verschlossen

"Alice" heißt der erste Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Mairhofer. Auf dem Cover ist ein Mädchen mit Schleife im Haar, Puffärmeln am Kleid und einem erschrockenen Blick zu sehen. Es sieht so aus, als hätte es erfahren, dass es sich ausgeträumt hat. Dass "das Wunderland" geschlossen bleibt. Und dass ab jetzt alle Abenteuer, die guten und die üblen, in der Wirklichkeit durchgespielt werden müssen.

Alice ist nicht länger nur ein Mädchen aus einem Traum, sondern eine von uns. In kurzen Kapiteln begleiten wir sie beim Kindsein und Erwachsenwerden. Und wir wissen nahezu immer, wie sie sich dabei fühlt.

Alice erinnert sich auch daran, für wen man sie schon alles gehalten hat. Und am Ende geht Alice, weil ihr klar wird, dass sie es sich lange genug gefallen lassen hat, dass andere ein Urteil über sie sprechen.

Das Buch:

"Alice" von Marlen Mairhofer, Jung und Jung Verlag, 128 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 23 Euro, eBook: 17,99 Euro; Erscheinungstermin: 20.08.2026

Die Autorin:

Marlen Mairhofer, 1991 in Steyr geboren, studierte Germanistik und lebt in Salzburg. Ihre Dissertation über Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Hélène Cixous ist 2025 im Sonderzahl Verlag erschienen. Ihr Debütroman "Alice" wurde für die Longlist zum Österreichischen Debütpreis 2026 nominiert.

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment...
…wenn du nicht so froh bist, dass du’n Mädchen bist
vom 27. September 2026
Autorin: 
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova