Der Roman "Pina fällt aus" von Vera Zischke erzählt von Pina, die zusammenbricht und auf die Intensivstation muss. Aber wer kümmert sich jetzt um ihren 20-jährigen Sohn Leo, der in seiner ganz eigenen Welt lebt? Es bleiben nur die Nachbarn.
"Was hat er denn?" Eigentlich müsste man eine Liste darüber führen, wie oft, wann und in welchem unmöglichen Zusammenhang irgendwelche dahergelaufenen, rumsitzenden und glotzenden Menschen sich die Freiheit nehmen, diese banale Frage zu stellen.
Gleich neben der Liste für "Wie geht es dir?" und "Warum bist du Single?". "Was hat er dann?" ist aber next Level, denn das wird in der Regel nicht die Person gefragt, die "was hat", sondern ihre Begleitung. Und das ist in diesem Fall Wojtek. Sehr zu seinem Leidwesen. Wojtek sitzt jetzt nicht sicher in seinem Homeoffice, umringt von seiner stattlichen Sammlung aus Kristalltieren, sondern er steht in einem Linienbus. Und der Linienbus steht auch. Wegen Leo. Weil Leo "was hat".
Das Leben mit Leo
Zuerst hat Leo im Weg gestanden, direkt neben dem Busfahrerplatz. Das ist verboten, Sicherheit, dies das. Der Busfahrer hat geschimpft, Leo blieb stehen. Und in Wojtek ist dieses Gefühl aufgekommen, das immer dann kommt, wenn er auf andere Menschen reagieren muss. So eine elastische Enge, als könne er nicht aus seiner Haut, egal, wie sehr er sich reckt.
Leo ist zwanzig Jahre alt – und er wäre gern Busfahrer. So wie Harry. "Harry Hanowski, 57, Wiesenstraße 104, Busfahrer", das ruft Leo immer, wenn er den grummeligen Harry sieht, der ihn täglich in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung fährt. Vorausgesetzt, Leo schafft es, rechtzeitig unten zu sein, denn Leo geht Treppen nicht zügig hinunter und Harry wartet nicht ewig. Eine Zigarette nur, und dann fährt er los. Ob mit Leo oder ohne, ist ihm herzlich egal.
Die pflegende Mutter
Nicht egal ist es Leos Mutter Pina. Denn wenn Leo nicht zur Werkstatt gefahren wird, dann kann sie nicht zur Arbeit gehen. Sie pflegt Leo. Leo ist anders als andere Männer in seinem Alter. Anders als viele Menschen. Anders als die Norm. Leo kann nicht allein zur Arbeit gehen, kann keinen Haushalt führen oder irgendwo anrufen. Leo kann einem in die Seele schauen. Und Gefühle zeigen. Er ist ein Uhrwerk.
Das Leben mit ihm ist leicht. Und gleichzeitig ist es sehr schwer. Nicht wegen Leo, sondern wegen der Welt, in der er lebt. Mit Behörden und Barrieren. Und mit Menschen, die fragen: "Was hat er denn?"
"Von Leo und von Pina erzählt der neue Roman "Pina fällt aus" von Vera Zischke. Und der Titel ist Programm. Leos Mutter Pina kann nicht mehr."
Mitten auf der Straße bricht Pina zusammen, Magendurchbruch, Not-OP, Intensivstation. Und Leo steht zu Hause wie erstarrt am Fenster und wartet vergeblich auf ihre Rückkehr. Was jetzt?, fragen sich die anderen Bewohnerinnen und Bewohner der Hansastraße 22.
Die Nachbarn müssen sich um Leo kümmern
Den kauzigen Wojtek kennen wir schon. Dann sind da noch die Rentnerin Inge, die gerne gehen würde, so richtig. Und Alina, die sich die Haare abrasiert hat und Zola genannt werden möchte, was ihr Vater ignoriert. Er hat sie zu Hause rausgeschmissen. In der Wohnung in der Hansastraße soll sie "erwachsen" werden. Zola ist sechzehn.
Alle drei haben Probleme. Mit sich, mit anderen, mit der Welt. Sie könnten die Hände heben und sagen: "Sorry, aber geht uns nichts an". Doch das wäre so was von gelogen. Es geht sie sehr wohl etwas an. Fakt ist: Sie brauchen Leo.
Das Buch:
"Pina fällt aus" von Vera Zischke, 300 Seiten, List. Hardcover: 21,99 €, E-Book: 18,99 €. Erschienen am: 26.03.2026
Die Autorin:
Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren. Sie ist Schriftstellerin und ausgebildete Journalistin. Auf Instagram schreibt sie unter @verazischke über ihr Leben als "Tired Writing Mom". "Pina fällt aus" ist ihr zweiter Roman. Vera Zischke lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.
