In Florian Gantners Roman "Soviel man weiß" sprayen Mirjam und ihre autonomen Freund*innen Botschaften an Wiener Wände, um sich gegen die allgegenwärtige Kontrolle des Staates zu wehren. Wie weit darf ziviler Widerstand gehen? Und dann sind da noch Agnes, der Flüchtling Illir, der Student Marek, die alle im selben Mietshaus wohnen – und sich helfen und bespitzeln gleichzeitig…
Vielleicht habt ihr sie bereits unterzeichnet: eine aktuelle Online-Petition mit dem Titel „Stoppt Dobrindts Überwachungspläne – Nein zu Palantir & Co. für Polizei und Behörden!“ von der NGO AlgorithmWatch. Die NGO und namhafte Erstunterzeichner*innen kritisieren darin die Ambitionen von Bundesinnenminister Dobrindt, der Polizei und dem Bundesamt für Migration neue Rechte zur KI-basierten Überwachung einzuräumen – sowie den Einsatz der Software Palantir oder ähnlicher Software.
Eine Petition ist ein demokratisches Werkzeug für Protest gegen politische Entscheidungen. Mirjam und ihrer autonomen Freund*innen in Florian Gantners Roman "Soviel man weiß" ist das aber zu wenig. Sie wollen anders aktiv werden…
"Wir überwachen zurück!"
Buchstabe für Buchstabe sprüht Mirjam in gebückter Haltung ihren Spruch auf den Asphalt. Gradec sieht zu. Er wollte eigentlich den Spruch „Zeigt Euch!“ sprayen. Aber den fand Mirjam irreführend. Als wären sie Kinder beim Versteckspielen im Kindergarten – und keine vermummten Aktivist*innen auf einem öffentlichen Platz in einer mittelgroßen Großstadt…
Wichtig ist, dass man alles gut lesen kann, von da oben. Durch die Linse der Überwachungskamera, auf dem Bildschirm in einem Kontrollraum oder auf einer Polizeiwache, oder wo auch immer die Aufnahmen angesehen werden.
Als Mirjam fertig ist, nickt Gradec stumm, und Pollo macht sich an die Arbeit. Er ist für das Künstlerische zuständig – und der Dritte im Bunde, für heute. „Wir überwachen zurück!“ hat Mirjam gesprüht – und Pollo hatte ein riesiges, starrendes Auge darunter gesetzt.
Ein Auge, das alles sieht
Aber… wie genau würden sie "zurücküberwachen"? Und wen? Sitzt da ein Mensch vor den Bildschirmen und guckt sich das an, oder macht das schon eine KI? Gibt es vielleicht gar keine Bildschirme, sondern nur Datensätze? Und wer kann mit Sicherheit sagen, dass diese Kameras überhaupt echt sind?
"Aber… wie genau würden sie 'zurücküberwachen'? Und wen?"
Mirjam ist mit ihren vierzig Jahren vermutlich die Älteste in der autonomen Gruppe. Sie weiß nicht, warum die anderen dabei sind, sie selbst war schon immer Punk, hat blaue Haare, seitdem sie fünfzehn ist und jobbt in einem Tabakladen.
Im Headquarter, einem leerstehenden Lager, das sie besetzt haben, lümmelt sie auf ranzigen Sofas, trinkt sich mit Rotwein die Zähne pelzig und streitet im Plenum mit den anderen über künftige Aktionen. Zuhause ist sie einsam. Zuhause, das ist ein heruntergekommener Altbau in der Quellenstraße 63.
Der Altbau in der Quellenstraße 63
Neben Mirjam wohnt da noch der Student Marek, der herrlich kuriose Listen führt und in letzter Zeit häufig einfach so weinen muss. Seit einer Begegnung auf einer Party kann er an nichts anderes denken, als daran, Bea wiederzufinden. Vielleicht heißt sie auch Vera. Oder Lea. Er sucht das Internet nach ihr ab.
Seine Nachbarin Agnes könnte sich mit ihrem Gehalt locker eine bessere Wohnung in einer besseren Gegend leisten, denn sie ist mit Ende zwanzig bereits Stationsärztin in leitender Funktion, was ihr aber kaum jemand glaubt. Ihr Freund Gernot hat mehr Geheimnisse, als Agnes aushält. Also installiert sie eine App, die ihr immer zeigt, wo er gerade ist.
Nebenbei wirft sie ein Auge auf den alten Nachbarn Illir Zerai. Der hat rote Stellen am Arm. Agnes tippt auf Krätze und gibt ihm Salbe. Illir aber weiß es besser. Fast vierzig Jahre ist es her, dass er das letzte Mal Propaganda-Texte im staatlichen Rundfunk vorgetragen hat und dann aus Albanien geflohen ist. Seine Schuldgefühle zerfressen ihn. Er fühlt sich beobachtet.
Bespitzeln und unterstützen
Mirjam, Marek, Agnes und Illir misstrauen sich, mehr oder weniger. Aber bald wird klar: sie brauchen sich auch. Mehr oder weniger. Alle beobachten sich gegenseitig. Die Neugier ist groß, manchmal zu groß, vielleicht sogar illegal, und sich zu verstecken ist gar nicht so leicht. Wie das mit den vier Hausbewohner*innen weitergeht, wer da wirklich wen genau beobachtet oder wer es sich nur einbildet, unter Beobachtung zu stehen – und was das alles mit uns im echten Leben zu tun hat – das könnt ihr in diesem Buch lesen.
Das Buch:
"Soviel man weiß" von Florian Gantner, Residenz Verlag, 246 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 24 Euro, eBook: 15,99 Euro; ET: 21.09.2021
Der Autor:
Florian Gantner, geboren 1980 im Salzburger Land, Studium der Komparatistik, lebt in Wien. Er veröffentlichte die Romane „Trockenschwimmer“ (2015) und „O.M.“ (2018) sowie Texte in Literaturzeitschriften. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Theodor-Körner-Preis (2014) und Aufenthaltsstipendium am LCB (2015). Auszüge aus „Soviel man weiß“ wurden mit dem Rauriser Förderungspreis und dem Literaturpreis Floriana (jeweils 2018) ausgezeichnet. Florian Gantner ist seit 2019 Intendant des Festivals „Literatur findet Land“. (Quelle: Residenz Verlag)
