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Im Roman "Das Meer der Libellen" erzählt die kenianische Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor die Geschichte von Ayaanas. Die beginnt und endet auf Pate, der größten Insel des Lamu-Archipels vor der Küste Kenias im Indischen Ozean. Für die einen ist Pate ein Natur-Paradies, für die anderen ein enges Gefängnis. Für Ayaana ist Pate beides.

Es ist das Jahr 1992 und Ayaana ist sieben Jahre alt, als sie und der Seemann Muhidin sich das erste Mal begegnen. Zufällig sieht er sie an einem frühen Morgen von seinem Balkon aus zwischen den Mangroven im Meer spielen. Er weiß, dass er es da rausholen könnte. Ein Mädchen, allein, im Wasser – das gehört sich nicht. Aber Muhidin geht das nichts an. Er will seine Ruhe.

Und was hätte er davon, das Mädchen zu verraten? So vergehen ein paar Wochen. Heimlich freut sich Muhidin sogar darauf, morgens das leise Kichern, Singen und Platschen des Mädchens zu hören. Manchmal hat es ein Kätzchen dabei. Andere Kinder hingegen nie. Muhidin weiß, warum: Es gibt keinen Vater.

"Jetzt sitzen sie dicht beieinander am Felsen und starren in die Ferne. Mal aufs Meer, mal zu den Sternen. Der Mann weiß, dass es nicht richtig ist. Trotzdem kann er sich nicht losreißen."
Lydia Herms über "Das Meer der Libellen"

Im Dorf kocht die Gerüchteküche. Die Lästermäuler stehen nicht still. Oft wird Ayaanas Mutter als Hure beschimpft und ihre Tochter als Kidonda. Geschwür. Muhidin macht da nicht mit. Er hat die Welt gesehen. Er weiß, wie verschieden Menschen und Lebenswege sein können. Und als Ayaana eines Tages vor ihm steht und ihm erklärt, dass er ab jetzt ihr Vater sei, und dass sie nicht mehr zur Schule gehen, sondern alles von ihm lernen wolle, ahnt er, dass dieses mutige und neugierige Mädchen es einmal weit bringen wird – wenn auch nicht hier.

"Ayaana verlässt die Insel mit Anfang zwanzig. Ein Schiff wird sie nach China bringen, wo Vorfahren von ihr leben sollen, wie ein DNA-Test ergeben hat."
Lydia Herms über "Das Meer der Libellen"

Auch wenn die Autorin Yvonne Adhiambo Owuor Wert darauf legt, dass die Geschichte erfunden ist, so finden sich darin viele Bezüge zur kenianischen Realität. Seien es Naturkatastrophen, Piraterie, Raubfischerei, islamistisch motivierte Anschläge oder militärische Konflikte, alles findet Erwähnung, beschrieben mit poetischen Worten.

Die Autorin

Yvonne Adhiambo Owuor wurde 1968 in Kenia geboren. Ihre Kurzgeschichten erschienen in internationalen Literaturmagazinen. 2003 wurde sie mit dem Caine Prize for African Writing ausgezeichnet. Ihr Debütroman "Der Ort, an dem die Reise endet" ist 2016 erschienen. "Das Meer der Libellen" ist ihr zweiter Roman. Die Autorin lebt in Nairobi.

"Das Meer der Libellen" (Originaltitel: "The Dragonfly Sea") von Yvonne Adhiambo Owuor, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Simone Jakob, erschienen bei Dumont, 603 Seiten, Hardcover: 24 Euro, E-Book: 19,99 Euro; erschienen am: 22.09.2020.