Ein digitaler Fortsetzungsroman - so könnte man Tilman Rammstedts Literaturprojekt "Morgen mehr" bezeichnen. "Schreiben auf Sicht" nennt es der Autor.

Tilman Rammstedt ist 1975 geboren, in Bielefeld aufgewachsen, wo er auch Zivildienst gemacht hat. "War okay", kommentiert der Schriftsteller diese Zeit. Seine nächsten Etappen waren Edinburgh, Tübingen und Berlin, um der Provinz zu entkommen. Er studierte Philosophie und Literaturwissenschaften - ohne Abschluss, denn da kam schon das erste Buch dazwischen.

"Der selbsttherapeutische Ansatz"

Während des Studiums veröffentlichte Tilman Rammstedt 1999 "Eine Froschkönigin". "Ich verdiente damit plötzlich Geld und konnte davon leben", erzählt der Autor. Am Scheideweg zwischen Studienabschluss machen und zweites Buch schreiben, hat sich der Schriftsteller für letzteres entschieden. "Erledigung vor der Feier" erschien 2003.

Neben dem Schreiben ist Tilman Rammstedt mit seiner "literarischen Boygroup" Fön aufgetreten. Über das Bandleben und die Songs entstand ein weiteres Buch: "Mein Leben als Fön".

"Eine richtige Band waren wir nicht, weil nur einer von uns richtig singen konnte. Wir hatten nur einen Musiker und drei Schriftsteller – 'die Musikinstrumente besaßen'."
Tilman Rammstedt, Schriftsteller

Seinen aktuellen Roman "Morgen mehr" konnten die Leser bei der Entstehung begleiten: Tilman Rammstedt veröffentlichte vom 11. Januar bis zum 9. April 2016 jeden Werktag einzelne Textpassagen. Leser, die das Buch abonnieren wollten, sollten 8 Euro vorab bezahlen. Entstanden ist die Idee, weil Tilman Rammstedt plante, wöchentlich eine Kurzgeschichte im Abo zu veröffentlichen.

Tilman Rammstedts Ziel war es, sich zum regelmäßigen Schreiben zu disziplinieren. Sein Lektor fand die Idee sehr gut, beide hatten aber noch keine Lösung für die technische Umsetzung. Schließlich wurde aus "wöchentlich eine Kurzgeschichte" "täglich ein Romankapitel". "Der selbsttherapeutische Ansatz" nennt Tilman Rammstedt selbstironisch diese tägliche Literaturproduktion.

​"Es war wie ein ganzes Buch schreiben pro Tag. All die Erfahrungen, die ich kannte: Morgens aufstehen und zu denken: Oh Gott, heute wieder ein Kapitel, und ich weiß nicht, wie es weitergeht. Das war das Grundprinzip des Buches."
Tilman Rammstedt, Schriftsteller

Im Juli 2016 ist dann "Morgen mehr" auch in Buchform erschienen. Teilweise hat der Schriftsteller Textstellen und Kapitel nachbearbeitet. "Durch die Kapitelstruktur war es jeden Tag wie eine schnell geschriebene Kurzgeschichte", erklärt der Schriftsteller. Grundidee hinter der ganzen Geschichte ist ein Protagonist, der noch nicht geboren ist und die Geschichte seiner Eltern, seiner Zeugung, erzählt. Die Geschichte spielt an einem einzigen Tag. "Vor allem geht es in der Geschichte darum, dass der Morgen danach überhaupt noch erlebt wird", erklärt der Schriftsteller. Der Protagonist hat natürlich Interesse daran, dass die Zeugung klappt, damit er überhaupt einen "Morgen mehr" erleben kann, sagt Tilman Rammstedt.

"Es war Schreiben auf Sicht: Jeden Tag neu überlegen, wer dazu kommen kann und was den Personen widerfährt."
Tilman Rammstedt, Schriftsteller

Rund 2000 Abonnenten haben die Entstehung des Romans täglich verfolgt - so wie Leser dem Fortsetzungsroman in der Wochen- oder Tageszeitung entgegenfiebern. Schriftstellergrößen wie Fjodor Dostojewski oder Charles Dickens haben so Romane veröffentlicht.