Ein ganzheitlicher Therapieansatz könnte Long-Covid-Betroffenen Hoffnung auf Besserung machen. Seine zentrale Erkenntnis: Mutet euch nicht zu viel zu!

Je nach Studie wird nämlich davon ausgegangen, dass bis zu zehn Prozent der Corona-Infizierten auch später noch Probleme haben – teilweise richtig schwere.

Stellt euch vor, ihr wacht jeden Morgen auf und denkt sofort: Ich kann nicht mehr. Ihr seid völlig erschöpft, euer ganzer Körper fühlt sich schwer, müde und energielos an. Und das jeden Tag. Sofie, Anfang 20, kennt das gut. Sie hatte Ende 2020 – also vor über einem Jahr – Covid. Und spürt die Langzeitfolgen bis heute.

Maximal platt

Schon im Januar 2021 habe sie relativ schnell gemerkt, dass irgendwas nicht in Ordnung ist, weil sich einfach alles so ermüdend angefühlt hat. Ihr habe sogar die Kraft zum Essen gefehlt.

"Ich glaube, zu dem Zeitpunkt hatte ich sehr schnell nur noch fünf Prozent meiner Energie."
Sofie, Long-Covid-Patientin
Sofie liegt auf dem Bett. Sie hat Long Covid.
© privat
In manchen Momenten reicht Sofies Kraft und sie kann etwas Musik hören. Aber auch das wird nach einiger Zeit zu anstrengend. Selbst im Liegen.

Sofies Hausarzt stellt die Diagnose: Long Covid. Sofies altes Leben ist von jetzt auf gleich vorbei. Rund um die Uhr – auch nachts – dreht sich alles um Long Covid.

Sofie muss aus ihrer Frankfurter Wohnung im fünften Stock raus – die Treppen schafft sie nicht mehr. Sie zieht erst mal wieder zurück zur Mutter, das Studium, das sie beginnen wollte, legt sie auf Eis. Freunde trifft sie nicht mehr. Jede Anstrengung ist einfach zu viel.

Monatelang im Bett

Sofie liegt monatelang im Bett. Oder sitzt – wenn es gut läuft. Doch nach ein paar Minuten wird ihr selbst das meistens zu anstrengend. Sie bekommt Schweißausbrüche, ihr wird schwindelig und sie muss sich wieder hinlegen.

Long Covid ist wie das Gefühl, als hätte man täglich eine ultraanstrengende Bergwanderung hinter sich, sagt Sofie. Hat man aber nicht.

"Der ganze Körper tut einfach nur höllisch weh. Wie bei einer ganztägigen Bergwanderung. Wer jetzt kein geübter Wanderer ist, der hat danach am ganzen Körper Schmerzen. So ging es mir jeden Tag – ohne Wanderung."
Sofie, Long-Covid-Patientin

Wie viele Menschen genau an schweren Long-Covid-Symptomen leiden, ist noch nicht sehr gut erfasst. Menschen, die schwere Covid-Verläufe hatten und die schon etwas älter oder ungeimpft sind, haben aber offenbar häufiger damit zu kämpfen. Eine Impfung reduziert die Wahrscheinlichkeit, an Long Covid zu erkranken, so eine aktuelle Studie aus Israel.

Die Gutenberg-Covid-19 Studie der Uni Mainz besagt: Auch Menschen, die die Infektion gar nicht mitbekommen haben, können an Long Covid erkranken. Und: Bis zu 40 Prozent der an Corona infizierten Personen klagen über Long-Covid-artige Symptome, die über mindestens sechs Monate andauern.

Wenn "Einfach mal ausruhen" nicht ausreicht

Etwa zwei Prozent der Erkrankten berichten auch zwölf Wochen nach Abklingen ihrer akuten Symptome noch von Atemnot, Erschöpfung, Muskelschwäche oder Depressionen. Manches davon dürfte der ganzen Pandemie-Situation geschuldet sein oder irgendwann vielleicht von selbst verschwinden. Doch dann gibt es eben auch die Fälle wie den von Sofie: Menschen, die völlig erschöpft sind und bei denen "Einfach mal ausruhen" nicht hilft.

Körperlich geht es Sofie heute zwar etwas besser. Sie ist nicht mehr ans Bett gefesselt und kann ab und an mit ihrer Mutter für ein paar Stunden in die Stadt – an Orte, an denen sie früher gerne war. Das tut ihr gut. Doch die Langzeitfolgen ihrer Covid-Erkrankung sind immer noch da.

Therapie mit ganzheitlichem Ansatz bei Long Covid

Die Forschung kennt dieses Phänomen als Chronic fatigue Syndrom oder Chronisches Müdigkeitssyndrom. In diesem Zustand ist der Körper dauerhaft in Alarmbereitschaft, erklärt die Sportwissenschaftlerin und Personal Trainerin Mareike Schwed. Das Immunsystem könne sich aber nur regenerieren, wenn der Körper auch entspannt – wenn man also erholsam schlafen kann.

"Was wir von Chronic Fatigue Syndrom verstanden haben, ist, dass der Körper ständig in Alarmbereitschaft ist."
Mareike Schwed, Sportwissenschaftlerin und Personal Trainerin

Mareike Schwed kümmert sich normalerweise um Patient*innen mit Multipler Sklerose oder Parkinson. Per Zufall kam sie darauf, dass ihr spezifischer Therapieansatz auch Menschen mit Long Covid helfen könnte: Sie entwickelte ein Programm mit ganzheitlichem Ansatz.

Long Covid sei wie nach einem Übertraining, sagt Mareike Schwed. Der Körper schaffe es nicht mehr, auf Regeneration zu schalten. In der Folge nehme die eigene Leistungsfähigkeit immer weiter ab. Die Betroffenen könnten nicht schlafen – psychische Probleme kommen dazu.

Nicht zu viel zumuten!

Eine zentrale Erkenntnis: Menschen mit Long Covid dürften sich nicht zu viel zumuten, so die Sportwissenschaftlerin. Sie berichtet von vielen Long-Covid-Patient*innen, die total enttäuscht und völlig fertig aus der Kur zurück gekommen seien, weil ihnen dort nicht geglaubt würde, dass sie wirklich nicht mehr können.

"Unter Tränen haben die Leute zu Hause angerufen und gesagt: Ich soll so viel machen, ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende meiner Kräfte – aber man glaubt mir hier einfach nicht."
Mareike Schwed, Sportwissenschaftlerin und Personal Trainerin

Ihre Long-Covid-Schulung besteht aus mehreren Modulen, die man von zu Hause aus machen kann. Das erste und vielleicht wichtigste Element ist das Pacing – dabei geht es darum, sich wirklich zu schonen und sich ehrlich die Frage zu beantworten: Wie viel Energie habe ich am Tag eigentlich übrig? Welche Brocken kann ich streichen? Was ist wirklich nötig? In diesem ersten Schritt gehe es darum, seine Baseline zu finden, von der aus man dann später auch wieder aufbauen kann.

In den weiteren Modulen geht es um Atmung, Stressregulation, das autonome Nervensystem, Schlaf, Ernährung, Bewegung – und irgendwann dann auch wieder um den Aufbau der körperlichen Fähigkeiten.

Epstein-Barr-Virus und Long Covid

Orientiert hat sich Mareike Schwed am Krankheitsverlauf von Menschen, die nach dem Epstein-Barr-Virus – bekannt als Pfeiffersches Drüsenfieber – Probleme hatten. Eine aktuelle Studie bestätigt diesen Zusammenhang zwischen Epstein-Barr und Long Covid.

Ansätze wie der von Mareike Schwed machen Long-Covid-Patient*innen Hoffnung. Auch mehrere Kliniken, etwa die Charité in Berlin, bieten Beratung wie etwa die Post-Covid-Fatigue-Sprechstunde an.

Unter dem Strich gibt es aber – Stand jetzt – immer noch mehr Fragen als Antworten. Auch das ist für die Betroffenen oft zermürbend.