Es gibt Menschen, die verpfeifen grad andere, weil sie auf der Parkbank sitzen. Oder sie zeigen den nervigen Nachbarn für seine gefühlt hundertste Party an. Macht Corona Denunzianten aus uns?

Die Corona-Krise bringt bei manchen auch ihre schlechte Seiten zum Vorschein. So verpfeifen Menschen andere bei der Polizei, weil sie ein Buch auf einer Parkbank lesen – das geht doch nicht! Eine andere Person kann ihrem schon immer verhassten Nachbarn nun endlich mal "so richtig eins auswischen", weil er schon wieder eine laute Party feiert – das ist jetzt endlich nicht mehr erlaubt, Anzeige ist raus!

Fünf Fragen zum Denunziantentum

In Ab21 erklärt der Soziologe Rafael Behr, wann aus sozialer Sorge Denunziantentum wird und warum gerade jetzt bei so vielen Menschen der innere Denunziant zum Vorschein kommt. Er lehrt Polizeiwissenschaften in Hamburg, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Devianz und soziale Kontrolle.

Was ist ein Denunziant?

"Ein Denunziant ist jemand, der andere Menschen einer Autorität meldet. Von der Autorität erhofft er sich, dass die diesen Menschen in irgendeiner Weise bestraft, belangt, sanktioniert. Hier geht es nicht um die Lösung von Konflikten oder gefährlichen Sachen, sondern um eine personenorientierte Meldung. Der Denunziant will, dass jemandem Schaden zugefügt wird und nicht, dass eine Sache geklärt wird."

Wie werden wir zu Denunzianten?

"Niemand will ein Denunziant sein. Jeder lässt sich etwas einfallen, warum er sich so verhalten hat. Dennoch finden wir in jeder Krise das Phänomen vor, dass unklar wird, wie man sich richtig verhält. Und dieses richtige Verhalten bringt eine Menge Menschen hervor, die sich toll verhalten, nämlich loyal, hilfsbereit, kreativ. Es bringt aber auch Verhaltensweisen hervor, die darauf ausgerichtet sind erst einmal für sich das Beste rauszusuchen und anderen eins mitzugeben, was man vielleicht schon lange wollte. Und das ist der typische Denunziant."

Warum bringen Krisen wie die Corona-Pandemie vermehrt Denunzianten hervor?

"Es gibt unterschiedliche Motive dafür. Eins ist die eigene Angst davor, dass etwas passiert und dass es Abweichler gibt von der guten Ordnung. Das zweite könnte sein, dass eigene Wünsche selbst unterdrückt werden und die Sanktionslust auf den anderen übertragen wird. Es gibt auch den Moment der Rechthaberei. Es gibt Leute, die moralisch immer auf der besseren Seite stehen, die das auch laut verkünden und andere immer erziehen wollen. Das wichtigste Moment ist, dass es auch eine Teilhabe an der Macht des Staates ist."

Was für ein Typ Mensch wird zum Denunzianten?

"Menschen, die nicht ganz so viel soziale Teilhabe haben, denunzieren häufig. Oder Menschen, die nicht viel zu sagen haben oder, die glauben, dass sie nicht viel zu sagen haben. Menschen, die endlich mal dem starken Staat helfen können, aktiv zu werden und damit auch Teil dieses starken Staates werden. Das finden wir ganz oft als sozialen Hintergrund für Denunziantentum."

Was macht vermehrtes Denunziantentum mit unser Gesellschaft?

"Das führt zu einer toxischen Gesellschaft. Weil jeder jetzt auf den anderen aufpasst und guckt, ob der sich richtig verhält. Viele fühlen sich dann auch bemüßigt, das falsche Verhalten anzuzeigen und zu melden. Das ist ein schwieriges Verhältnis für offene Gesellschaften, in denen eigentlich ein relativ hohes Toleranzgebot herrscht. Das wird im Moment unterlaufen."