Wie erhalten sehr reiche Menschen ihr Familienvermögen? Welche Praktiken geben sie an spätere Generationen weiter? Das erforscht die Soziologin Isabell Stamm – unter anderem, indem sie Veranstaltungen von reichen für reiche Menschen besucht.
Isabell Stamm spricht nicht von Superreichen, sondern von der sogenannten "Eigentumselite". Mit den Theorien des Soziologen Pierre Bourdieu geht sie davon aus, dass auch diese gesellschaftliche Schicht erlernt und weitergibt, welcher Habitus - also welche Art von Sozialverhalten, Umgangsformen und Art zu sprechen etwa - zum Dasein als Familienunternehmer oder Gesellschafterin dazugehört. Nachfolgende Generationen werden also zu Eigentümer*innen sozialisiert, der gesellschaftliche Status der Eltern wird reproduziert.
"Wer in unserer Gesellschaft etwas erreicht, hängt immer weniger davon ab, wie viel Einkommen man erwirtschaftet, welche berufliche Position man hat – sondern davon, was man geerbt hat."
Das Ziel allen Handelns: das erwirtschaftete Kapital schützen und für die nächste Generation erhalten. Patrimonialismus nennen es Forschende, wenn der Kapitalismus so vor allem auf Erbschaft basiert.
Das notwendige Wissen dafür kommt von anderen Mitgliedern der eigenen Klasse, aber auch von Dienstleister*innen wie Anwält*innen, Notar*innen oder Wealth Manager*innen. Isabell Stamm sieht diese Servicekräfte als "Nebenrollen" – die "Hauptrollen" spielten die reichen Unternehmer, und nach wie vor seltener Unternehmerinnen, selbst.
"Zentrales Thema bei diesen Veranstaltungen sind die Praktiken des Gesellschafterseins."
Isabell Stamm hat Interviews mit sehr wohlhabenden Menschen geführt. Und sie hat deren Parties, Seminare und andere Zusammenkünfte besucht, um dort die Praktiken des "Class Making" zu beobachten, wie sie sagt.
- Wie wird Geld angelegt und gesichert?
- Wie wird der Ausstieg aus einem Unternehmen inszeniert?
- Wie werden Konflikte innerhalb der Familie behandelt und beigelegt?
- Wie werden Kinder in ihren enormen Reichtum eingeführt?
Fragen wie diese werden teils in Seminaren und Workshops besprochen, teils informell, so die Soziologin.
Patrimonialismus und die Bedeutung der Familie
Ganz wichtig bei diesen Treffen: die Bedeutung der Familie. Das zeigt sich, neben vielem anderen, in der Art und Weise, wie sich Familienunternehmer untereinander vorstellen, sagt Isabell Stamm und nennt Beispiele:
- "Ich bin Nachfolger in dritter Generation und arbeite gemeinsam mit einer meiner beiden Schwestern im Management des Unternehmens."
- "Ich bin aus der fünften Generation und leite das Family Office."
"Der starke Familienbezug und das Gesellschaftersein unterscheidet sie von anderen möglichen Anwesenden auf diesen Veranstaltungen."
Das, was die Soziologin als "Eigentumskompetenz" umschreibt, umfasst eine eigene Sprache, eigene Rituale und Routinen, eine eigene Weltanschauung. Wie dieses System funktioniert, erklärt sie in ihrem Vortrag.
Isabell Stamm leitet das Fachgebiet Soziologie der Organisation, Arbeit und Wirtschaft am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin. Ihre Antrittsvorlesung mit dem Titel "Eigentumsfertigkeiten - Was die Eigentumselite auszeichnet und verbindet" hat sie am 29. Oktober 2025 an der TU Berlin gehalten.
- Vortragsbeginn
- Vorgehensweise: Theoretischer Zugang zum Thema
- Ergebnisse: Wie wird das ökonomische Kapital strukturiert?
- Ergebnisse: Habitusproduktion und Erfahrungswelt der Eigentumselite
- Resümee und Forschungsausblick
