• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

1971 wird Theo Albrecht entführt. 1976 Richard Oetker. 1986 Lars und Meike Schlecker. Die Liste ließe sich fortführen. Die Historikerin Eva Maria Gajek hat eine ungewöhnliche Idee: Durch die Geschichte solcher Entführungen in den 70er- und 80er-Jahren der Bundesrepublik will sie eine Kulturgeschichte des Reichtums erzählen.

Wer gilt als reich? Woher wissen Kriminelle, wer reich ist? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen von Reichtum gibt es und wie wird Reichtum in den Medien inszeniert? Diese Fragen will die Historikerin beantworten, indem sie die zahlreichen Entführungsfälle im Westdeutschland der 70er und 80er auswertet, im Hinblick auf die darin enthaltenen Annahmen über Reichtum. Gajek begreift die soziale Gruppe "der Reichen" als "umkämpfte Sozialfigur". Gerade in der alten Bundesrepublik nehme diese soziale Gruppe Gestalt an. Zahlreiche Millionäre und Millionärinnen oder deren Kinder werden entführt.

"Erpresserischer Menschenraub ist ein Verbrechen, das erst seit 1973 in der Kriminalstatistik der Bundesrepublik auftaucht."

Sie erklärt, nach welchen Kriterien Kriminelle ihre Opfer ausgewählt haben. Manchmal lasen sie gezielt "Die Zeit" oder "Capital", manchmal reichte es, in einem "Villenviertel" zu wohnen, um als reich zu gelten. Die Medien erklärten, wer "reich" war oder übersetzen für das Publikum bildlich, wie es sich eine große Lösegeldsumme vorzustellen habe. Sowohl beim Publikum als auch bei den Tätern herrschten mitunter diffuse Ansichten zum Thema "Reichtum" vor.

"Albrecht musste den Entführern erst mal den Unterschied zwischen brutto und netto erklären, Umsatz und Gewinnspanne, sowie die Unternehmensstruktur von Aldi Süd und Nord."

Die Historikerin zeichnet in ihrem Vortrag nach, inwiefern manche Täter sich als Robin Hood inszenierten, wie wenig empathisch mitunter die Berichterstattung und die Öffentlichkeit auf die Opfer dieser Taten reagierten, und was die eine Opfergruppe, die der Reichen, mit einer anderen von Entführungen bedrohte Gruppen, die der Politiker, verbindet.

Eva Maria Gajek ist Historikerin und Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe "Geschichte und Theorie des globalen Kapitalismus" an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie arbeitet derzeit an einer "Kulturgeschichte des Reichtums". Ihren Vortrag mit dem Titel "Der Preis der Sicherheit: Entführungen von Millionären und Millionärinnen in der Bundesrepublik als Untersuchungsgegenstand einer Kulturgeschichte des Reichtums" hat sie am 7. Juli 2021 auf Einladung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Köln gehalten.