Für ihre Gerichte wurden migrantische Communities oft abgewertet. Heute gelten Kimchi, Matcha oder Thosais als trendy. Dlf-Nova-Reporterin Athithya Balamuraley erzählt von ihren Erfahrungen – und wie leckeres Essen und kulturelle Sensibilität zusammengehen.
Linsenpancakes – auf Tiktok werden sie als proteinreich vermarktet. Und es stimmt auch: Linsen haben viel Protein. Doch für Dlf-Nova-Reporterin Athithya Balamuraley sind sie mehr als "pancake flatbread things", wie der Tiktoker sie nennt. Es sind "Thosais". Ein Gericht aus Südindien. Athithya erinnert es an ihre Kindheit.
"Die Linsen hat meine Mutter am Vorabend mit bestimmten Gewürzen einweichen lassen. Sie freitags zu essen war immer etwas Besonderes für mich und meine Geschwister."
Doch das Essen, das in ihr warme Erinnerungen weckt, verbindet sie gleichzeitig damit, als anders abgestempelt worden zu sein. "In der Schule sagten meine Mitschüler*innen, dass mein Essen seltsam ist."
Und heute gilt genau dieses Essen als gesund und trendy.
Wenn die Mehrheitsgesellschaft entscheidet, was "gut" ist
Dieses Phänomen wird "White Validation" genannt, also die "weiße Bestätigung" von Essen. Gemeint ist, dass bestimmte Gerichte oder Esskulturen erst dann gesellschaftlich anerkannt werden, wenn sie von der weißen Mehrheitsgesellschaft entsprechend positiv bewertet werden.
Was das bedeutet, erklärt Tiffany Fallon, Herausgeberin des Buches "Biting Back – Essen, Diaspora, Widerstand": Es gibt eine weiße Definitionsmacht darüber, was gut, lecker, gesund und normal ist. Und was anders ist, wird abgewertet. Doch über diese Bewertung entscheiden nicht die Menschen, die ihr Essen mitgebracht haben, sondern es entscheidet die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft.
Dass bestimmte Gerichte oder Essgewohnheiten als minderwertig angesehen wurden, hat historische Gründe, erklärt Athithya. Es gehe auf die Kolonialzeit zurück. "Als die Spanier nach Lateinamerika kamen, sahen sie, dass die indigenen Einwohner Mais, Yuca und Bohnen aßen. Die Spanier kannten dieses Essen und die Traditionen nicht – und stempelten es als unzivilisiert und minderwertig ab."
"Europäisches Essen wurde als gut und zivilisiert gelabelt. Während die jahrtausendealten Bräuche und Essensgewohnheiten der Menschen vor Ort als schlecht und unzivilisiert abgewertet worden sind."
"White Validation" betrifft nicht nur südindische Thosais, sondern viele andere Gerichte wie Pho, Matcha oder Kimchi – fermentierter Kohl aus Korea. Gerade in Deutschland ist Kimchi inzwischen total angesagt.
Früher abgewertet, heute trendy
Früher war das oft anders, erinnert sich Irina. "Ich kenne diesen Stich und dieses weirde Gefühl, dass die halbe Welt jetzt crazy about Kimchi ist und früher die Reaktionen ganz anders waren und ich mich dafür geschämt habe." Trotzdem findet sie es schön, dass das Essen ihrer Kindheit heute gefeiert wird.
"Ich finde es eigentlich ganz schön, dass das Essen bekannter wird. Ich fühle mich eingeladen, meinen Friends zu erzählen, wie meine Oma das Essen hergestellt hat."
Genau das ist für Athithya der wichtige Punkt: Essen anderer Kulturen nicht einfach nur konsumieren, weil es gerade angesagt ist, sondern auch nach den Geschichten und Traditionen dahinter fragen. "Bei einem Kochdate mit Friends kann man diese Geschichten erzählen."
Denn Essen, argumentiert Athithya, ist für viele Menschen mit Geschichten und Erinnerungen verbunden. "So wie die Thosais mich immer daran erinnern, wie meine Geschwister und ich freitagabends nach dem Gebet ungeduldig gewartet haben, während meine Ammaa die Thosais extra knusprig mit Sesamöl gebraten hat."
