Nora kommt aus dem Münsterland, Christoph kommt aus Halle an der Saale. Beide waren ein Jahr, als die Mauer fiel und sind in einem wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen. Sie lernen sich in Leipzig kennen und heiraten 30 Jahre nach dem Mauerfall. Bei der Hochzeit treffen Noras Eltern aus dem Münsterland und Christophs Eltern aus Halle an der Saale aufeinander - und Nora und Christoph merken: Es gibt einiges, was sie trennt. Denn als Birgit und Ole aus dem Münsterland mit Dittmar und Geli aus Halle über die deutsch-deutsche Vergangenheit reden, lernen Nora und Christoph, dass es da noch einige Vorurteile über Wessis und Ossis gibt, über die sie dringend reden müssten. Und genau das tun sie dann auch.

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Birgit: Ich werde das nie vergessen, meine erste Begegnung mit euch. Dieses Gefühl, was ich hatte, ich kann das so gut erinnern, ich hab mich so komisch gefühlt. Ich wusste nicht, was ich mit euch reden soll! Ich hatte total viele Fragen - völlig dumme, blöde Fragen, die ich mich alle nicht getraut habe, zu fragen, nämlich so Fragen wie: Wie war das denn damals in der DDR? Und wie habt ihr euch gefühlt? Und war das wirklich so schlimm, und habt ihr wirklich so viel gelitten? Also alles Fragen, die du eigentlich gar nicht hören willst, Angelika, die hatte ich alle!

Nora: Das ist meine Mutter Birgit. Sie ist 1960 geboren, in Münster und sie arbeitet als Psychotherapeutin. Ich kann mich tatsächlich auch sehr gut an dieses erste Treffen erinnern: Das war in einem Restaurant in Halle, wir sind alle zusammen Essen gegangen, Christophs Oma war auch dabei. Und meine Mutter war wirklich total aufgeregt, viel aufgeregter als ich!

Christoph: Ja, das hab ich auch gemerkt. Sie hat völlig steif gewirkt und unsicher, so ganz anders, als sie normalerweise drauf ist.

Birgit: Und ich habe mich völlig befangen gefühlt, also so wie in so einem Korsett, ganz ganz komisch also nicht so locker, flockig, natürlich, wie wenn ich westdeutsche Eltern vom Partner meiner Tochter kennengelernt hätte, sondern wirklich so im Kopf: Was sage ich jetzt, was darf ich fragen? Wenn ich da heute dran denke, denke ich: Wie bekloppt ist das denn? Aber: Es war so! Es war so!

Geli: Also mir ging das nicht so (lacht). Ich hab keine Ahnung. Also das war ganz normal.

Christoph: Und das ist meine Mutter Geli. Sie ist etwas älter als Noras Mama. Ja, und sie ist eigentlich auch ein ganz anderer Typ: Ich würde sagen, etwas ruhiger, auf jeden Fall auch zurückhaltender. Meine Mama kommt aus Taucha bei Leipzig, und sie ist studierte Filmschnittmeisterin. Und ich denke, sie war halt auch nicht so befangen wie Noras Mama, weil sie das Gefühl hatte, den Westen zu kennen.

Nora: Ja, abgesehen von den geschichtlichen Fakten hatten meine Eltern halt ganz viele Wissenslücken über den Osten! Deshalb waren sie verunsichert. Das ist mir auch bewusst geworden, als mein Papa, Ole heißt der, bei dem Treffen das hier erzählt hat:

Ole: Ja, das ist interessant, weil wir hatten ja keinen Staatskundeunterricht in der Schule. Aber wir wurden auch indoktriniert. Nicht direkt durch den Staat, aber durchs Fernsehen, durch die Medien, durch das, was man so hört.

Birgit: Und, ich hab' das Gefühl, ich konnte das nicht validieren! Ich konnte nicht gucken, ob das stimmt - wir hatten kein Ostfernsehen! Die DDR war mir echt fremder als Afrika!

Geli: Das macht mich sprachlos, muss ich sagen. (Lacht fassungslos) Ich hab mich gefreut.

Birgit: Na, gefreut habe ich mich auch!

Geli: … neue Leute kennenzulernen, aber ohne sowas, eigentlich.

Nora: Warum macht dich das sprachlos?

Geli: Ja, weil ich erstaunt bin, dass der Kapitalismus so etwas hervorbringt! (Alle lachen) Ja, weil ich das gar nicht nachvollziehen kann!

Christoph: Meine Mutter war deshalb so erstaunt über das Verhalten von Noras Mama, weil sie bisher nie erlebt hatte, dass sich jemand aus Westdeutschland schüchtern und unsicher verhält.

Nora: Dieses erste Treffen ist jetzt etwa sechs Jahre her. Ich wollte meine Mama die ganze Zeit schütteln und ihr sagen: Jetzt mach dich doch mal locker, es sind auch nur Menschen! Die Situation war mir auch echt unangenehm. Es gab aber einen schönen Moment am Ende, da hatte ich das Gefühl, ok, jetzt connecten die zumindest ein bisschen: Und zwar hatte deine Mutter ein Glas von ihrem selbstgemachten Chutney dabei und meine Mutter ihre selbstgekochte Blaubeermarmelade und deine Oma hatte auch Marmeladen dabei. Und dann haben die Frauen unserer Familie beim Abschied Marmeladen getauscht, das hat das Eis ein bisschen gebrochen.

Christoph: Und es wurde dann auch besser mit der Zeit. Ich meine, unsere Eltern haben sich ja auch immer wieder mal getroffen bei Familienfeiern, und so haben sie sich auch besser kennengelernt. Sonst wäre das Gespräch nach unserer Hochzeit ja auch gar nicht möglich gewesen.

Nora: Ich fand's auch cool, wie aufmerksam meine Eltern zugehört haben, vor allem, als deine Eltern von ihrer Kindheit in der DDR erzählt haben. Da hat man echt gemerkt: Die hören solche Geschichten zum ersten Mal.

Die Sehnsucht nach dem Westen

Geli: Meine erste Konfrontation mit dem Westen war, dass ich zur Jugendweihe von meiner Tante zehn Westmark geschenkt bekam. Und diese Westmark konnte ich ja im Intershop einlösen, für irgendwas, was ich gerne hätte. Ich bin dann auch des öfteren in den Intershop gegangen...

Christoph: Intershops, das waren Läden in der DDR, in denen es Westprodukte gab. Also so Sachen wie zum Beispiel Milka-Schokolade, Jacobskaffee oder Marlboro-Zigaretten. Für viele Menschen in der DDR waren das so Dinge, nach denen man sich gesehnt hat, weil die eigentlich total unerreichbar waren.

Geli: ...habe die schöne Luft eingeatmet, dieser Geruch nach Seife, Schokolade, der war ganz speziell und bin dann immer rumgegangen und dachte: Was kaufst du dir für deine zehn Mark? Und mir ist eigentlich nichts eingefallen, wo ich gesagt hätte: Dafür hätte es sich gelohnt, diese zehn Mark auszugeben.

Nora: Ich finde es irgendwie krass, dass es zwar Läden mit Westprodukten in der DDR gab aber keine Ostshops im Westen!

Christoph: Dabei wurden auch Ostprodukte in den Westen exportiert, hat mein Vater mal erzählt. Er hat ja als Schüler mal in der Halloren-Fabrik, da wurden und werden immer noch die berühmten Halloren-Schokokugeln hergestellt, Gelee-Osterhasen abgepackt. Und dann kamen die im Westpaket seiner Tante, die im Westen gelebt hat, wieder zurück, und er konnte sie wieder auspacken. Auf der Packung stand dann aber nicht "Hergestellt in der DDR", sondern "hergestellt für Mühlheim an der Ruhr".

Nora: Ich finde, das zeigt auch schon damals diese Überlegenheit. Und dieses Nichtwissen, diese Ignoranz von westlicher Seite. Was ja auch noch mal deutlich wurde, als meine Mutter das hier erzählt hat:

Birgit: Was mir als erstes einfällt, ist die Landkarte von der Tagesschau. Dieses Bild von der BRD, so'n Schlauch, und dann rechts so'n Fleck, wo ich dann gesagt bekam, das ist die DDR. Das hat mir natürlich nichts gesagt. Meine Eltern haben mir erklärt, das ist auch Deutschland, aber das gehört nicht zu Deutschland, und da ist auch ganz schwierig, hinzukommen, und das sind die Bösen.

Nora: Meine Mutter ist ja in den sechziger und siebziger Jahren in Münster in NRW aufgewachsen, im tiefsten Westen. Das war so die Zeit des Kalten Kriegs, Ost gegen West. Das war auch bei meinem Papa so, der kommt aus Rheda-Wiedenbrück, das ist bei Gütersloh in NRW. Der hatte auch so gar keine Berührungspunkte, ist auch mit diesem Feindbild Ost aufgewachsen. Trotzdem hat er sich schon früh für den Osten interessiert, schon als Teenager:

Ole: Mein erster persönlicher Kontakt war bei einem Jugendaustausch in die Sowjetunion. Da habe ich zum ersten Mal Ostler gesehen. Menschen aus Ostdeutschland. Da standen wir in der Universität von Kiew, an der Mensa, und vor uns in der Schlange standen junge Pioniere. Und dann habe ich unseren Reiseleiter gefragt: Was sind das für Welche? Dann meinte er: Das sind junge Pioniere, das erkennst du an den roten Halstüchern. Und dann haben einige von uns denen auf die Schulter geklopft und gesagt: Hallo, wir sind aus Verl! Das ist bei uns im Münsterland gewesen, damals, da war das Jugendaustauschwerk beheimatet. Und dann war da eine Befangenheit, eine ganz große Befangenheit. Sowohl bei uns, als auch bei denen. Wir haben so ein paar Floskeln gewechselt, und dann war da auch sofort jemand, der aufpasste, dass wir nicht zu viel miteinander sprachen. Und ich weiß noch, ich hab mich vorgestellt, mein Name ist so und so, und dann sagte das Mädchen: Ja, ich bin die Petra aus Zwickau. Das weiß ich noch. Und das war toll – aber das war es dann auch schon.

Dittmar: Bei mir ist es etwas anders, wir hatten Verwandtschaft im Westen...

Christoph: Das ist jetzt mein Vater, Dittmar. Er ist wie ich in Halle geboren und lebt auch noch da mit meiner Mama.

Dittmar: Ich weiß gar nicht mehr, also ich hatte eine Tante, die uns regelmäßig besucht hat. Das war immer aufregend, die roch auch immer gut und jedes Mal, wenn sie kam, kriegte ich ein neues Matchboxauto. Und da es Matchboxautos nicht gab, im Osten, war das immer was ganz Großes.

Christoph: Da ist sie wieder, diese Sehnsucht nach Dingen aus dem Westen.

Birgit: Ich war, als ich Studentin war, auf dem Kirchentag, da war ein Kirchentag in Berlin. Man konnte von Westberlin aus auf so eine Treppe steigen und dann durch das Brandenburger Tor gucken und das fand ich auch ganz befremdlich also so wie im Zoo. Als ob ich im Zoo bin und dann durch Gitterstäbe gucke, und mir dann aber irgendetwas angucke, was so gar nicht erreichbar ist.

Ole: Dieses kleine Podest am Brandenburger Platz, da stand ich auch drauf. Und dann haben wir da rüber geschaut und geschaut, ob sich da was bewegt. Es war unwirklich und einfach düster. Das war so mein Gefühl. Und unterwegs auf den Transitstraßen durfte man ja nicht anhalten und um Gottes Willen nicht ab vom Weg! Ich wäre am liebsten ab vom Weg gefahren, um einfach mal zu sehen, was da los ist.

Nora: Spannend, weil dieses Rübergucken ja auch ganz schön überheblich ist. Ich denke, man war sich im Westen dieser Überlegenheit schon bewusst, auch wenn man die nicht gut fand. Man muss sich einfach mal klar machen: Damals sind Millionen Menschen von der DDR in den Westen geflohen oder ausgereist, haben da teilweise ihr Leben aufs Spiel gesetzt und auf der anderen Seite ist man vielleicht mal als Touri zur Mauer gefahren und hat rübergeguckt, sich aber sonst nicht weiter interessiert für den Osten.

Reisen in der DDR und in Westdeutschland

Ole: Wir reisten in den Westen, wenn wir unterwegs waren, fuhren wir nach Skandinavien, nach Frankreich, in die USA und sonst in die Welt aber es gab auch viele von uns, die wirklich mal gerne in die DDR gefahren wären, nach Ostdeutschland, nach Polen, nach Russland, überall dorthin, wo man eigentlich nicht hin konnte.

Geli: Wieso durftet ihr nicht nach Polen?

Ole: Später ja, aber damals, in den sechziger und in den siebziger Jahren, wir hätten gedurft aber wir hatten keine Beziehungen.

Geli: Aber man fährt doch immer in fremde Länder, die man nicht kennt und zu denen man keine Beziehungen hat!

Birgit: Also, wir hätten schon gekonnt, aber es war einfach nicht im Kopf! Weil es war, wie gesagt, der Eiserne Vorhang, das war der kommunistische Osten. Man brauchte ein Visum, man konnte nicht einfach so über die Grenze, das war viel komplizierter für uns, nach Polen oder nach Ungarn oder in die Sowjetunion zu reisen, als eben nach Frankreich, England, Amerika. Und es war eben auch ganz viel Angstmache auch. Warum sollte man da hinfahren, das waren ja "die Bösen"!

Ole: Die Denke damals war auch: Da ist ja nichts.

Nora: Ja in dem Moment, als ich das gehört habe, habe ich zum ersten Mal verstanden, wie fremd die DDR für meine Eltern damals war. Ich hab in dem Moment auch gemerkt, wie unangenehm das meinen Eltern auf einmal war, dass sie nie in den Osten gefahren sind – und wie sie auf Gelis Nachfrage hin versucht haben, sich da irgendwie rauszuwinden.

Christoph: Ja ich fand den Moment auch krass. Überrascht hat mich, dass es meinen Eltern ja gar nicht so ging. Also für die war das, was im Westen los war, viel präsenter. Und das ist ja auch irgendwie paradox: Deine Eltern konnten eigentlich in die DDR fahren, haben es aber einfach nicht getan und wussten nichts, meine Eltern konnten nicht in den Westen, wusste aber viel mehr, was dort passiert.

Die deutsch-deutsche Grenze

Geli: Ja, das ist schon sehr merkwürdig. Für mich war die Grenze immer sehr weit weg. Es gab ja die Außengrenze, dann kam immer noch der große Streifen, wir sind auch nie ganz nah gekommen. Und das war halt so. Ich hatte nie, irgendwie, weil ich wollte da nicht rüber, ich musste ja nicht, weil, warum? Ich hatte da keinen. Und dann, finde ich, hatten wir ja immer noch das Westfernsehen, wir wussten ja, wie es da drüben losgeht. Eigentlich waren wir, finde ich, rundum informiert. Also wir guckten immer unsere „Aktuelle Kamera“, dann guckten wir die Tagesschau und dann machten wir uns unser Bild aus allem und wussten Bescheid.

Birgit: Ich finde, das ist ein total wichtiger Punkt! Weil wir konnten das gar nicht, das, was wir als Bilder vermittelt bekommen haben, durch Medien, durch Eltern, durch Erzählungen, durch Schule und so weiter, wir konnten das gar nicht überprüfen an realen Kontakten zu Menschen!

Nora: Na ja, sie hätte es schon überprüfen können, sie durfte ja in die DDR aber sie hat es halt nie gemacht.

Alltag in der DDR

Geli: Es war das ganz normale Leben. Ja, sicher gab es mal dieses und jenes nicht und du hast dich dann irgendwie beholfen in der Tauschwirtschaft oder so. Und die Sachen, die es unterm Ladentisch gab, da hast du Beziehungen gepflegt - also, man hat sich ja immer im Leben irgendwie eingerichtet und arrangiert. Und wenn es im Jahr nur zu Weihnachten Apfelsinen gab, ja Gott! Ok, da hat man sich drauf gefreut.

Nora: Und wenn jemand gestorben ist, an der Grenze, das habt ihr gar nicht mitbekommen?

Geli: Doch, jaja.

Dittmar: Eigentlich nur durchs Westfernsehen. Weil im Osten war das kein Thema. Also wenn du die Möglichkeit hattest, Westfernsehen zu sehen, dann hast du jeden Abend, nicht jeden Abend, aber wenn wieder was passiert war an der Grenze, dann wurde das ja dort berichtet.

Geli: Das sind so Sachen, wo du dann immer traurig warst, aber eigentlich hast du dir gesagt: Mein Gott, was soll ich jetzt machen? Soll ich jetzt auf die Straße gehen und sagen, das ist Mist, was ihr da macht? Was hättest du davon gehabt? Im Knast sitzen? Hatte ich nicht vor. Ich war kein Held.

Christoph: Genau das ist es halt, es gab eben auch viele Menschen in der DDR, die sich nicht politisch engagiert haben, die einfach ihr Leben, ihren Alltag gelebt haben. Dazu gehörten auch meine Eltern. Ich denke, sie sind mit den Einschränkungen eher pragmatisch umgegangen.

Nora: Und genau das war meinen Eltern eben lange nicht klar, diese Normalität, dieses ganz normale Leben. Die haben wirklich lange geglaubt, dass es allen Menschen in der DDR schlecht ging. Und ich denke, meine Eltern waren und sind mit diesem DDR-Bild nicht allein! Der Glaube, dass alles schlecht war im Osten, ist im Westen immer noch sehr stark verbreitet. Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich meine alten Schulfreunde und ihre Familien im Westen besuche, dann kommen da immer mal wieder so Fragen wie: Nora, du lebst ja jetzt in Leipzig, wie sind die Menschen denn da so, sind die Häuser immer noch alle kaputt, merkt man immer noch, dass da mal die Stasi war? Und so weiter. Ich denke dieses Bild wurde in den letzten 30 Jahren stark geprägt, und man hat sich einfach nicht differenziert genug mit der DDR auseinandergesetzt.

Der Mauerfall

Ole: Und gleichzeitig war es für mich unvorstellbar, dass die Mauer jemals fallen würde. Und dann auch noch so schnell, das war überhaupt nicht, ja, das war ein Fait accompli: Da sind die und hier sind wir. Es wäre ja schön, wenn das irgendwann anders wäre, aber wir sahen das nicht.

Geli: Das war bei uns genauso. Also ich hätte nie daran gedacht. Also für mich war das festgetackert. Für immer und ewig.

Geli: Wir sind demonstrieren gegangen, mit Kind auf dem Rücken. Der hat sich immer gefreut, dass alle rumgeschrien haben und hat mitgekräht.

Christoph: Meine Mutter hat ja vorhin gesagt, dass sie eigentlich eher unpolitisch war aber als es dann im Herbst 1989 kurz vor dem Fall der Mauer zu den Demos gegen das sozialistische Regime gekommen ist, da ist sie dann doch mitgegangen. Ich meine, das waren ja Massendemonstrationen diese Montagsdemos in Leipzig, da sind Hunderttausende mitgegangen. Und auch in Halle, wo meine Eltern gewohnt haben, gab es Demos.

Geli: Ja, da haben wir ein paar Mal überlegt, ob wir mitgehen, weil wir wussten, dass sie schon ein paar Truppen zusammengezogen haben wegen Polizeieinsatz und so, da haben wir auch gedacht: Können wir das machen, können wir da mit hingehen? Aber eines muss ich sagen: Dieses hier "Wir sind ein Volk" das habe ich eigentlich nie mitgerufen. Wir waren nicht ein Volk für mich. Eigentlich wollte ich nur mein Leben und mein Land verbessern. Das war mein vordergründiges Ziel, weswegen ich mitgegangen bin.

Dittmar: Es war wirklich Zeit für eine Änderung des politischen Systems. Weil so ging es nicht weiter, mit diesen alten Leuten, die auch nur noch krank waren, keiner entschied mehr was, das Ende war nah, sag ich mal. Also es musste was passieren, auch um in diesem Staat, in dem wir gelebt haben, weiterleben zu können.

Christoph: Was mein Vater da meint: Die DDR war ja damals quasi bankrott. Es gab Versorgungsengpässe, der Staat hatte kein Geld mehr, und auch politisch war man völlig isoliert: Die Grenzen waren komplett zu, auch in Richtung Ostblockstaaten. Meine Eltern wollten, dass sich das ändert. Sie gingen aber nicht für die Wiedervereinigung auf die Straße, daran haben sie gar nicht gedacht!

Schabowski: Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandschaftsverhältnisse beantragt werden, die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt...
Journalist: Wann tritt das in Kraft?
Schabowski: Nach meiner Kenntnis ist das sofort! Unverzüglich.


Christoph: Bei meinem Papa war die Geschichte etwas anders. Der hat am 9. November 1989 die Pressekonferenz mit Günter Schabowski gesehen, der gehörte zum Zentralkomitee der SED und hatte damals verkündet, dass DDR-Bürger in den Westen reisen dürfen.

Dittmar: Und habe mir dann mit meiner Erfahrung gedacht, ehe die das hier bürokratisch auf die Reihe kriegen, dauert das 14 Tage, hab den Fernseher ausgemacht, bin ins Bett gegangen und hab geschlafen (lacht), bin am nächsten Morgen zur Arbeit. Und da liefen die Fernseher, wirklich, ich trau mich gar nicht, das zu erzählen! Da liefen die Fernseher, die Menschen jubelten und der Sekt floss in Strömen und ich war etwas überrascht an dem Morgen.

Birgit: Ich hab diese Bilder im Kopf, dass Menschen dann auf die Berliner Mauer geklettert sind, und dann Westberliner den Ostberlinern geholfen haben, hochzuklettern. Dieser gemeinsame Jubel, dieser Taumel eigentlich, diese Euphorie also ich kriege jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das hat mich emotional total berührt.
Und ich hatte gleichzeitig Angst: Hoffentlich wird nicht geschossen. Dieses Gefühl, irgendwie entsteht da gerade was ganz Neues. Etwas, das eigentlich über Deutschland oder beide deutsche Staaten hinausgeht. So dass ich gedacht habe: "Dass ich das erleben darf, Zeitzeugin von diesem großartigen Moment" Das war irre.

Geli: Also ich fand auch. Es war wie der Beginn von was Neuem.

Die Wiedervereinigung

Nora: Ja, die Mauer war dann ja gefallen, am 9. November 1989 und damit begannen dann ja erst die direkten Konfrontationen, Missverständnisse zwischen den Menschen aus Ost und West. Und ich denke, dadurch haben sich auch Klischees und Vorurteile verfestigt.

Geli: Und dann wurde wir immer gefragt, ob wir denn sehr gelitten hätten. Und wenn wir dann gesagt haben: "Nö, gelitten haben wir eigentlich nicht", dann war ein bisschen die Enttäuschung manchmal auch da. Ja, ich hatte auch so das Gefühl, dass sie immer erstaunt waren, wenn man ganz normal über Dinge erzählt hat. "Was, das hattet ihr auch?" - so nach dem Motto. Wir haben immer gesagt: "Na, haben Sie geglaubt, dass wir auf den Bäumen noch leben?" Das war manchmal schon sehr skurril, die Begegnung. Und das kränkt mich heute noch.

Geli: Am meisten wurdest du auf Arbeit damit konfrontiert. Indem du auf einmal einen netten Westchef hattest. Der dir zeigte, wie's ging. Als hätten wir jahrelang nicht dasselbe schon gemacht. Also das war furchtbar.

Dittmar: Dazu kam, dass wir ja studiert hatten und unsere Studienabschlüsse laut Einigungsvertrag bestätigen lassen mussten. Und wenn da irgendjemand saß und sagte: "Nö, im Westen gab es ein anderes Seminar, wird nicht anerkannt." Sowas tut schon weh.

Christoph: Der Einigungsvertrag war ein Vertrag, der 1990 zwischen der BRD und der DDR ausgehandelt wurde. Und laut diesem Vertrag mussten DDR-Bürger beispielsweise ihre Studienabschlüsse bei einer entsprechenden Behörde überprüfen und anerkennen lassen, damit die weiterhin gültig blieben.

Geli: Für mich war eigentlich immer das Schlimmste, dass alles niedergemacht wurde, aufgekauft wurde, weil man das Geld hatte, und nichts mehr davon übrig blieb. Ob es nun gut oder schlecht war. Wurde gar nicht ausgesondert oder so. Also: Das ist gut, das behalten wir. Es wurde alles, pffft! Und wir hatten ja keine Chance! Wir hatten ja kein Geld! Wir konnten ja nicht plötzlich mal ne Firma kaufen!

Christoph: Für meine Mama war es halt keine Wiedervereinigung auf Augenhöhe. Für sie war es mehr eine Überstülpung des Westsystems auf die DDR. Sie hatte das Gefühl, dass man ihr Leben, ihre Arbeit, alles in der DDR nicht wertgeschätzt hat. Die meisten Betriebe wurden nach der Wende ja auch von Westdeutschen aufgekauft, einfach, weil es im Osten kein Kapital gab und der Staat völlig heruntergewirtschaftet war!

Geli: Ich glaube gerade, was jetzt stattfindet, dieses Aufkommen von den Rechten, das ist alles ein Grund davon, dass sich das so entwickelt hat. Weil: Uns wurde wirklich gesagt: "Das, was ihr da hattet, war sowieso Mist." Also für mich war es wie eine Vergewaltigung.

Christoph: Ja, und dieses Ungleichgewicht, das zieht sich so bis heute durch unsere gemeinsame Geschichte. Da hat sich bei vielen Menschen im Osten ganz viel Frust, Enttäuschung und Wut angestaut. Das hat viel mit fehlender Wertschätzung zu tun. Nach der Maueröffnung sind ja auch ganz, ganz viele Menschen in den Westen gegangen, die Folgen der Abwanderung spüren wir im Osten bis heute, vor allem auf dem Land.

Nora: Die Wiedervereinigung haben die meisten Menschen im Westen als etwas Positives wahrgenommen. Bei vielen Menschen im Osten hat es richtige Identitäts- und Lebenskrisen ausgelöst! Und ich glaube, über dieses komplett unterschiedliche Erleben der Wende hat man viele Jahre lang überhaupt nicht gesprochen.