Thomas fährt seit 20 Jahren mit seinen Schulfreunden in ostdeutsche Städte – anfangs aus Zufall, heute ist es eine richtige Tradition. Mit unseren Reporterinnen Rahel Klein und Tina Howard spricht er über Highlights, Überraschungen und Begegnungen mit Menschen, die er sonst nie getroffen hätte.

Im Jahr 2001 fing es an. Thomas Dugaro wollte mit alten Schulkumpels aus Hannover über Pfingsten wegfahren. Ein gemeinsamer Trip einer zehnköpfigen Männertruppe, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Das Ziel: Friedrichroda im Thüringer Wald. Es war der Anfang einer neuen Tradition. Denn ab diesem Zeitpunkt fuhren Thomas und seine Freunde jedes Jahr nach Ostdeutschland – auf "Erkundungstour".

Inzwischen kennt sich die Gruppe im Osten gut aus. Sie waren an zahlreichen Orten, in vielen Städten, wie Leipzig und Dresden, aber auch in Parchim oder der Uckermark. Thomas lebt inzwischen in Hamburg und plant die Trips der Gruppe im Vorfeld akribisch. Er schaut nach interessanten Zielen und stellt eine Art Programm zusammen. Immer mit dabei – eine Stadtführung. Die kann sich auch mal bis in den späten Abend ziehen.

"In Schwerin haben wir eine Stadtführung gemacht und das waren zwei ganz nette und lustige Stadtführerinnen. Die haben uns abends noch mit auf eine Party eingeladen. Das war eine sehr coole Angelegenheit, weil wir da dachten: Wow, wir dürfen mit irgendwohin, was wir sonst niemals kennengelernt hätten."
Thomas Dugaro

Die Menschen vor Ort würden auf die Gruppe immer sehr positiv reagieren, sagt Thomas. Oft käme man ins Gespräch. Dabei ginge es nicht darum, unbedingt Ost-West-Themen mit Menschen vor Ort zu besprechen. Klar sei aber auch: Thomas und seine Freunde bringen das Thema gewissermaßen mit – schließlich reisen sie ja auch gezielt in den Osten Deutschlands. Deswegen wird auch viel über Ost-West-Geschichten geredet. Auf einer Mission sei man damit aber nicht, sagt Thomas: "Das wäre ja Quatsch". Es gehe der Gruppe einfach darum, neue Orte und Menschen kennenzulernen.

Gegenhalten bei Ost-Klischees

Mit der ganzen Erfahrung der vergangenen zwanzig Jahre beunruhigt es Thomas, zu sehen, wie in letzter Zeit wieder vermehrt typische Ost-Klischees ausgepackt würden. Wenn er im Westen mit Leuten darüber ins Gespräch kommt, hält er deswegen auch gerne mal dagegen. Zum Beispiel wenn es um das politische Vorurteil geht, dass in Ostdeutschland eh alle Nazis seien.

"Bei dem Thema hilft natürlich die Erfahrung, die wir haben, enorm, um zu sagen: 'Hallo? Nein, liebe Wessi-Freunde. Quatsch. Fahrt hin, überzeugt euch eines Besseren'. Das ist natürlich Blödsinn. Das ist wieder nur ein Klischee, das jetzt nach oben kommt, wo wir mit unserer Erfahrung versuchen können, gegenzusteuern."
Thomas Dugaro über das Klischee, im Osten würden nur Nazis leben
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Thomas erzählt Rahel und Tina von seinen Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre "Ost-Trips".

Deshalb sieht Thomas auch weiterhin Gesprächsbedarf zwischen Ost- und Westdeutschland. Mittlerweile habe er Angst, dass das, was er mit seinen Freunden im Osten erlebt, in Gefahr gerät, wenn sich die Fronten weiter verhärten. Seine Eltern haben ihm am Tag nach dem Fall der Mauer mit in den Osten genommen, um zu sehen, was da passiert. Diese Art von gegenseitigem Interesse am Leben der "Anderen" hält Thomas für notwendig. Ihn schockiert dabei, welche Distanz einige "Wessis" zum Osten hätten.

"Es ist natürlich auch erschreckend, dann festzustellen: Es gibt genug Leute, die waren noch nie in Ostdeutschland. Das ist natürlich tragisch und schade … selber schuld, würde ich sagen."
Thomas Dugaro

Veränderungen nach 20 Jahren?

Die Reisegruppe läuft bislang unter dem Namen "Wessis erkunden den Osten". Doch Thomas will das jetzt ändern: "Im Vorgespräch mit euch habe ich bemerkt, dass es eigentlich heißen müsste 'Wessis begegnen dem Osten'. 'Erkunden' hat so etwas von 'Na guck mal, was ist denn da so', und das ist es ja gar nicht. Wir wollen etwas kennenlernen, was wir noch nicht kennen, aber es hat auch viel mit Begegnen zu tun. Ich glaube, wir taufen es um."

Erst mal muss er seine Freunde aber noch vom neuen Namen überzeugen. Im nächsten Jahr geht es für die Gruppe dann nach Mecklenburg. In einer besonderen Konstellation: Während die Männer normalerweise alleine fahren, nehmen sie nächstes Jahr ihre Familien mit.

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Dlf-Nova-Moderatorinnen Rahel Klein (l.) und Tina Howard (r.) zusammen mit Thomas.

Warum zum Beispiel auch Knutschen durchaus zur Ost-West-Verständigung beitragen kann, hört ihr im Podcast zur Serie – im Feed der Ab 21. Das Mauerfall-Special könnt ihr die gesamte Woche verfolgen. Vom 4. bis 9. November berichten Tina Howard und Rahel Klein hier, auf Instagram, im Grünstreifen, in Ab 21 und als Podcast.