Zuversichtlich, trügerisch, klug? "Wir schaffen das." vor einem Jahr sagte Angela Merkel diesen berühmten Satz zur Flüchtlingsfrage. Wir haben nachgefragt, wie er heute klingt.

"Wir schaffen das." Darin steckt eine Menge Motivation und Zuversicht - das sagen die einen. Andere meinen es sei eine trügerische "Ja, ja wird schon"-Phrase. Am 31. August 2015, hat Angela Merkel diesen mittlerweile berühmten Satz gesagt in einer Pressekonferenz zur innenpolitischen Lage und zur Flüchtlingsfrage. Ein Jahr später fragen wir: Wie klingt der Satz in euren Ohren?

"Was möglicherweise zu schaffen ist"

In der Uni-Mensa trifft DRadio-Wissen-Reporter Stephan Beuting nur Befürworter: "Ermutigend!", sagen dort die meisten Studierenden, habe Merkels Statement auf sie gewirkt. Und das bekräftigen sogar jene, die sonst mit der Politik der Bundeskanzlerin wenig anfangen können.

Robert Gaschler ist Professor für Psychologie und sagt: Es ist ein schlauer Satz. Denn er setzte voraus, dass wir etwas schaffen wollen. Die Mechanik dieses Slogans funktioniert ganz einfach: Wer nicht per se Spielverderber sein möchte, der ist dabei. Aber noch etwas anderes steckt drin: "Wir richten unsere Aufmerksamkeit positiv auf das, was möglicherweise zu schaffen ist aus, und das hilft natürlich."

"Wenn man 'wir schaffen das' in den Fokus rückt, dann denkt man über Dinge nach, die einem helfen könnten, das auch hinzubekommen."
Robert Gaschler, Psychologie-Professor an der Fernuniversität Hagen

Und das hat an verschiedenen Stellen funktioniert und motiviert, sich einzusetzen oder durchzuhalten - einerseits. Gehen wir aber weg von der Uni-Mensa finden wir andererseits auch das: "Wir schaffen das nie"-Sprüche auf einer Wand in Mecklenburg-Vorpommern, wüste Beschimpfungen, Kritiker aus unterschiedlichen Lagern und sinkende Umfragewerte für Angela Merkel. An einem Satz aber lässt sich das nicht festmachen.

Neue Politik?

Für Angela Merkel hat sich nach der besagten Pressekonferenz einiges verändert, analysiert Ulrike Winkelmann, Politik-Redakteurin bei Deutschlandradio. Die Bundeskanzlerin präsentierte sich zurückhaltender, ruderte zunächst unauffällig zurück. "Ihre Flüchtlingspolitik ist de facto schon wenige Wochen nach der großen Entscheidung zur Öffnung der Grenzen wieder in die andere Richtung gegangen."

Ulrike Winkelmann, Politik-Redakteurin Deutschlandradio
"Es kann sein, dass das zu oft zitiert worden ist und den Leuten heute schon wieder aus den Ohren herauskommt. Für die damalige Situation aber war es eine gute und griffige Formel, die viele mitgenommen hat und vielleicht auch bis heute mitnimmt."

Ein Jahr später hat sich Merkels Duktus der Flüchtlingsdebatte weiterentwickelt. Zuletzt bekräftigte sie erneut den Satz, aber in anderer Form. Wie wir diesen bewerten werden, wird sich zeigen. Aber dazu braucht es vielleicht mehr Zeit als ein Jahr.