Es ist ein skurriler Prozess, der da in Australien abläuft: Weil die Geschworenen nicht beeinflusst werden sollen, dürfen Medien nicht über den Fall berichten - und zwar alle Medien, die in Australien gelesen, gehört oder gesehen werden könnten. Wir tun es trotzdem.

In Australien hat es ein Urteil in einem großen Strafprozess gegeben, aber zu lesen oder hören ist so gut wie nichts darüber - obwohl es kein geheimer Prozess ist, der da stattgefunden hat.

Es geht um Missbrauch in der katholischen Kirche: Schon seit einigen Monaten wird gegen den ehemaligen Erzbischof von Melbourne, George Pell, verhandelt. Er gilt als Nummer drei im Vatikan. Und nun ist anscheinend das Urteil gegen ihn gefallen. Anscheinend deshalb, weil es keine offizielle Bestätigung gibt, weder vom Gericht noch, von den Medien vor Ort. Ein Online-Blog der italienischen Zeitung "La Stampa" berichtet allerdings im Detail über das Urteil. Demnach wurde Pell in allen fünf Anklagepunkten für schuldig befunden, darunter Gewalt gegen Minderjährige. Das Strafmaß soll im Februar verkündet werden. Es drohen bis zu 25 Jahre Haft. Pell beteuert von Anfang an seine Unschuld.

"Gleich zu Beginn hatte die Richterin jede Berichterstattung verboten. Diese Verfügung geht so weit, dass es den Medien sogar verboten ist, darüber zu berichten, dass es ihnen verboten ist, darüber zu berichten."
Ronald Menn, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Eine Verfügung des australischen Gerichts verbot gleich zu Beginn des Prozesses jede Berichterstattung. Und dieses Verbot gilt für alle Medien, die von Australien aus zugänglich sind - deshalb findet man auch online kaum etwas. Und diese Nachrichtensperre gilt auch nach dem Urteil, denn auf den Kardinal kommen noch weitere Prozesse zu - die Missbrauchs-Vorwürfe wurden in mehrere Verfahren aufgeteilt.

Geschworene sollen nicht beeinflusst werden

Die Begründung zu diesem Vorgehen: Die Geschworenen sollen nicht beeinflusst werden. Das ist allerdings in Australien nichts Ungewöhnliches - solche Verfügungen gibt es dort immer wieder. In den USA hingegen macht man es eher umgekehrt - da schirmt man die Geschworenen von der Öffentlichkeit ab, damit sie unbeeinflusst bleiben, erklärt unser Nachrichtenredakteur Ronald Menn.

Große Zeitungen halten sich an das Verbot

In Zeiten von Internet und Smartphones wird es natürlich schwierig, so ein Verbot durchzusetzen. Trotzdem, die größten Zeitungen des Landes halten sich daran - testen aber aus, wie weit sie gehen können: 

  • Der "Daily Telegraph" aus Sydney schreibt, es gab ein Verbrechen, die Person sei schuldig, aber man dürfe nichts darüber sagen.
  • Die "Herald Sun" erschien mit einer schwarzen Titelseite und einem großen Schriftzug "zensiert".

"Wenn man ein bisschen weiter sucht, vor allem in den sozialen Medien, findet man aber schnell heraus, um wen es geht", so Ronald Menn.

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Auch außerhalb von Australien halten sich viele zumindest noch an die Nachrichtensperre. Die Washington Post ist da eher die Ausnahme, sie hatte schon am Donnerstag (13.12.) in einem Artikel dazu berichtet. Die Süddeutsche Zeitung liefert Informationen in ihrer gedruckten Ausgabe - aber nicht online.

"Am weitesten nach vorn hat sich katholisch.de getraut - das Online-Portal der katholischen Kirche - mit einem großen, kritischen Online-Artikel."
Ronald Menn, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Warum wir über den Fall berichten

Wir beim Deutschlandradio haben übrigens lange überlegt und abgewogen, wie wir mit der Nachrichtensperre umgehen - und unsere Berichterstattung auch rechtlich prüfen lassen. Letztendlich haben wir uns für eine solche entschieden, weil wir finden, dass es um ein wichtiges Thema geht, das auch bedeutsam für uns in Deutschland ist: Missbrauch durch Priester gibt es auch hier, viele Opfer sind betroffen, die Aufarbeitung läuft. "Und wenn wir uns jetzt von Australien sagen lassen, worüber wir zu berichten haben und worüber nicht, dann würde das irgendwann Schule machen, und wir könnten über viele Dinge in anderen Ländern bald gar nicht mehr berichten", erklärt Ronald Menn.

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