Russische Soldaten sollen Kriegsverbrechen in der Ukraine verübt haben. Russland weist die Vorwürfe zurück. In der Ukraine werden derweil Beweise gesichert. Auch Human Rights Watch ermittelt in dem Land.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) gehört zu jenen, die in der Ukraine Beweise sammeln, um die Geschehnisse zu dokumentieren.

Zurzeit hat die Organisation einen Kollegen vor Ort, der in dem Kiewer Vorort Butscha unterwegs ist und akribisch nach Spuren sucht, so Wenzel Michalski. Er ist Deutschland-Direktor von HRW.

"Der Kollege untersucht zum Beispiel, woher Einschusslöcher in Häusern oder Autos kamen", sagt Wenzel Michalski. Aber er schaut sich auch Leichen an, auf die er stößt. Dabei fasst er die Toten nicht an. Ebenso sammelt er Aussagen von Zeug*innen und auch von den Familien der Opfer.

Spuren suchen und Beweise sichern

HRW ist auch im Netz tätig. Die Organisation hat ein "Tech-Lab": Datenforensiker durchsuchen die sozialen Medien, um zum Beispiel Chats oder Postings zu finden, in denen Personen mit ihren Verbrechen angeben. "Dass wir auch die Täterseite hören können", sagt Wenzel Michalski.

Die unterschiedlichen Spuren, Aussagen und Dokumente werden abgeglichen, damit sich ein vollständiges und korrektes Bild ergibt.

"Da, wo sich die Fakten überschneiden, wo es einen Punkt gibt, an dem alle dasselbe sagen, da wissen wir: Da liegt die Wahrheit."
Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch

Bei der Suche nach der Wahrheit kommt den vermeintlichen Tatorten eine wichtige Rolle zu – auch bei Kriegsverbrechen. Die Tatorte im Kriegsgeschehen lassen sich schwer absperren. "Trotzdem hoffen wir natürlich, dass es möglichst kontrolliert bleibt, bis der Tatort untersucht worden ist", sagt Wenzel Michalski.

Auch Massengräber müssen untersucht werden

Bei Kriegsverbrechen ist die Menschenrechtsorganisation auch immer wieder mit Massengräbern konfrontiert. Auch in der Ukraine. HRW versucht dann darauf zu drängen, dass die Massengräber zunächst von Gerichtsmediziner*innen untersucht werden – eben bevor die Toten exhumiert werden, um sie würdevoll zu bestatten. Der Wunsch nach einem Begräbnis – gerade bei den Familienangehörigen – ist natürlich groß. Aber bei der Exhumierung gehen Beweisstücke verloren.

Die Person, die für HRW in der Ukraine zurzeit ermittelt, gibt ihre Erkenntnisse an das Büro weiter. Diese werden innerhalb der Organisation zur Sicherheit erneut gecheckt und überprüft – auch aus juristischer Perspektive. Damit Veröffentlichungen der HRW hieb- und stichfest sind.

"Nur die Sachen, die wir als HRW dann veröffentlichen, sind auf Herz und Nieren geprüft."
Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch

Die Organisation hat bereits über Gräueltaten im Krieg in der Ukraine berichtet und Erkenntnisse vorgelegt. Die gezielten Angriffe auf Zivilisten sind verbrecherisch, so Wenzel Michalski. Auch der gezielte Beschuss von Wohngegenden und Krankenhäusern oder die Belagerung zum Beispiel von Mariupol.

"Dieser Krieg ist per se von Grund auf verbrecherisch."
Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch

Diese Verbrechen sind schwer auszuhalten. Auch für die Kollegen, die vor Ort ermitteln. Ebenso für jene, die das Netz nach Fotos durchsuchen oder die, die letztlich die Dokumente zusammen stellen. HRW arbeitet deshalb mit Psychotherapeut*innen zusammen, die den Kolleg*innen helfen können.