• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Zwischendurch galt Biontech in Deutschland als der "bessere Impfstoff" – verhältnismäßig milde Nachwirkungen, sehr starke Wirksamkeit und kein Zusammenhang mit Hirnvenenthrombosen wie beim vektorbasierten Konkurrenzimpfstoff von Astrazeneca. Nun scheint sich der Wind ein bisschen zu drehen: Berichte, dass auch mRNA-Impfstoffe, also die von Biontech-Pfizer und Moderna, Nebenwirkungen mit sich bringen könnten, sorgen für Aufruhr. Die Rede ist von Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen. Betroffen seien vor allem Männern um die 20.

"In Israel gab es unter fünf Millionen Impfungen 275 Fälle. Großteils waren Männer zwischen 16 und 24 Jahren betroffen."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Informationen aus Israel, wo der mRNA-Impfstoff von Biontech-Pfizer schon im Dezember verimpft wurde, scheinen das erst einmal zu bestätigen. Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth warnt aber vor Alarmismus. Laut zur Verfügung gestellten Daten aus Israel sei es in der Woche nach der Impfung sehr selten zu einer Entzündung am Herzen gekommen. In 95 Prozent der Fälle seien die Beschwerden außerdem sehr milde und verschwanden schnell wieder.

mRNA-Impfstoffe zeigen Auffälligkeiten, aber keine Langzeitfolgen

Ähnliche Erkenntnisse kommen aus dem amerikanischen Center for Disease Control and Prevention. Die Herzentzündungen treten vor allem nach der zweiten Impfdosis auf. Insgesamt sind 226 Fälle dokumentiert. Typischerweise wären in den USA in dieser Altersgruppe etwa hundert Fälle zu erwarten.

Allerdings, betont Volkart Wildermuth, handele es sich dabei um sogenannte Verdachtsmeldungen. Das heißt also, ein Arzt hat notiert: Hierbei könnte es sich vielleicht um eine Herzentzündung handeln, ohne dass unbedingt eine aufwendigere Untersuchung erfolgte. "Das ist auch nicht nötig", sagt Volkart Wildermuth, "weil die Symptome oft sehr milde sind."

Deutschland dokumentiert das Alter der Geimpften nicht

Aus diesen Gründen spricht das Paul-Ehrlich-Institut derzeit ausdrücklich von Verdachtsfällen. In Deutschland sind derzeit (Stand 15.06.2021) 90 Fälle dokumentiert. In Deutschland sei es allerdings schwierig, weil das Alter der geimpften Menschen nicht notiert wird. Das heißt, man kann gar nicht so richtig vergleichen, wie viele Fälle jetzt in dieser Altersgruppe aufgetreten sind.

In den USA und in Israel sei das anders. Nichtsdestotrotz ist auch dort nicht von Risiko die Rede. Forschende in den USA sprechen nach wie vor von einem Ungleichgewicht und noch nicht von einer eindeutig durch die Impfung verursachten Nebenwirkung. Israel schätzt es als "wahrscheinliche Verbindung" ein.

"Es gibt Auffälligkeiten bei den Herzentzündungen, ob sie wirklich von den Impfungen verursacht wird, ist nach wie vor unklar. Fest steht aber auch: Den Betroffenen geht es meistens schnell wieder besser."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Generell seien Entzündungen am Herzen bei Covid-19, wie auch bei anderen Virusinfektionen, eine bekannte Komplikation, erklärt Volkart Wildermuth. Auch bei ungezielten Herzuntersuchungen, sagt der Wissenschaftsjournalist mit Verweis auf den wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung, würden zum Beispiel bei vielen jungen Leuten Auffälligkeiten im EKG gefunden, ohne dass die Personen Symptome hatten.

Internationale Einigkeit: Wirkung der mRNA-Impfung höher als Risiko

Trotzdem sei eine Herzmuskelentzündung nicht zu bagatellisieren. Als typische Symptome nennt Volkart Wildermuth Schmerzen in der Brust, Atemnot und Herzrasen. "Überraschenderweise werden die Beschwerden oft besser, wenn man sich aufrichtet und schlimmer, wenn man sich hinlegt."

"Wenn Symptome wie Herzrasen oder Schmerzen in der Brust auftauchen, sollte man auch als junger Mensch zum Arzt gehen – egal, ob geimpft oder nicht."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Mithilfe eines EKG oder eines Ultraschalls könne der Arzt dann feststellen, ob es Probleme gibt. In den allermeisten Fällen verschwinden die Symptome, wenn man sich schont. Fest steht für Volkart Wildermuth aber so oder so: Der Nutzen des mRNA-Impfstoffs überwiegt gegenüber dem Risiko, das davon ausgeht. Deswegen werde die Impfung in den USA und in Israel nach wie vor für ab 12-Jährige und in Deutschland für alle ab 18 Jahren empfohlen.