Hamilton, das erfolgreichste Musical der letzten Jahre, kommt – voraussichtlich noch 2021 – auch nach Deutschland. Das englische Original besteht zum großen Teil aus Rap und enthält viele Wortspiele. Darüber, wie es war, einen Welterfolg zu übersetzen – und wie sich englischer Hip-Hop überhaupt ins Deutsche übertragen lässt, haben wir mit dem Rapper Sera Finale gesprochen.

Vor sechs Jahren ist "Hamilton" am Broadway in New York gestartet. Seitdem gab es jede Menge Preise, unter anderem den Tony, den Grammy und sogar den Pulitzer-Preis. Schon jetzt ist die Geschichte von Alexander Hamilton eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten. Hamilton war einer der Gründungsväter der USA und ihr erster Finanzminister. Er stieg vom Waisen und Einwanderer zu einem der wichtigsten Männer der Vereinigten Staaten auf.

"Alexander Hamilton wird als Kind einer Dirne irgendwo in so einem letzten Loch in der Karibik geboren. Am Ende des Tages ist er US-Finanzminister und einer der Gründerväter der Verfassung."
Sera Finale, Rapper und Übersetzer

Hamilton war und ist ein riesiges kulturelles Phänomen – seit 2015 in ausverkauften Broadway-Vorstellungen und seit Sommer 2020 auch als Stream bei Disney+. Es gab Lob von Kritikern und Fans. Unter anderem wegen der äußerst gelungenen Besetzung – weiße Gründerväter der USA wie etwa George Washington werden auf der Bühne von People of Color gespielt, Autor und Hauptdarsteller ist Lin-Manuel Miranda (in unserem Bild oben ganz rechts). Aber auch deshalb, weil in Hamilton zum ersten Mal Hip-Hop erfolgreich in Musicalform gebracht worden ist. Große Teile bestehen aus Rap, es gibt also auch viel mehr Text als in den meisten anderen Musicals.

"Krasses Masterpiece"

Wie viele andere erfolgreiche Musicals kommt Hamilton jetzt auch außerhalb des englischsprachigen Raums auf die Bühne – unter anderem in Hamburg, in deutscher Sprache. Für die Übersetzung zuständig ist neben dem Musicalautor, Liedtexter und Übersetzer Kevin Schroeder der Berliner Rapper Sera Finale. Dass das Originalmusical in den USA so ein Riesenerfolg war und ist, erzeugt natürlich einen gewissen Druck, sagt Sera Finale. Hamilton ist für ihn "eines der krassesten Masterpieces, die jemals gemacht wurden". Genau so, unter Druck, könne er aber auch am besten arbeiten.

Sera Finale und Kevin Schroeder hätten Lin-Manuel Miranda in New York am Broadway getroffen. Gleich zu Beginn hätte Lin ein Glas umgeschmissen, das in tausend Scherben zersprungen sei. Er selbst habe dann gesagt "So, jetzt ist das Eis gebrochen, jetzt können wir anfangen", erzählt Sera Finale. Lin habe gelacht und dann sei es losgegangen. Und wie: Er habe Lins Musical auf seinem Handy ablaufen lassen und die deutsche Übersetzung direkt drüber gerappt. Der Plan ging auf: Lin sei komplett ausgerastet.

"Lin ist einfach komplett ausgerastet und fand es geil. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir den gleichen Background haben. Für mich war das ein Highlight in meinem Leben, weil er ist ja eben auch einfach ein krasser King."
Sera Finale, Rapper und Übersetzer

Das Musical sei für die nächsten zwei, drei Jahre ausgebucht, erzählt Sera Finale. Die Schwarzmarktpreise für ein Ticket beliefen sich mittlerweile auf 3000 Dollar. Barack Obama sei schon zehnmal drin gewesen. Auch Sido sei schon ein paar Mal drin gewesen, habe er ihm erzählt.

"Englisch rappen ist viel leichter"

Deutsch und Englisch haben eine ganz andere Grammatik und eine ganz andere Sprachstruktur. Die Übersetzung sei nicht einfach gewesen, erzählt Sera Finale. Auf Englisch zu rappen sei bedeutend einfacher, findet er.

"Im Englischen ist es viel leichter zu rappen, denn da klingt eben jedes Wort cool. Im Deutschen musst du dir richtig Mühe geben, damit es nicht so klingt, als wenn du mit dem Trecker über Kopfsteinpflaster fährst."
Sera Finale, Rapper und Übersetzer

Im deutschen Rap würden wahnsinnig viele Anglizismen benutzt. Das mache es natürlich viel einfacher, cool zu klingen. Dass Texte aber auch tatsächlich auf Deutsch gut klingen, sei eine hohe Kunst.

"I am not throwing away my shot!"

Hamilton ist kein klassisches Musical. Es gibt zwar Gesang, aber eben auch sehr viel Rap. Typisch dafür sind Wortspiele und Anspielungen. Beispiel: Der Song "My Shot" und Teile des Textes kommen immer wieder vor. Der Satz "I am not throwing away my shot!", also "Ich habe nur diesen einen Schuss", müsse auf fünf bis sechs Ebenen funktionieren, sagt Sera Finale: unter anderem "Shot" wortwörtlich als Schuss aus einer Waffe, aber auch "My Shot" als "Meine Chance" oder der Kurze, also etwa ein Tequila an der Bar.

Das Rap-Musical sei "ein krasser Schinken" gewesen: Um Hamilton ins Deutsche zu übertragen, hätten Kevin Schroeder und er einiges zu beachten gehabt.

  • Metrik
  • Inhalt
  • Reimstruktur
  • Wortwitz
  • Melodie
  • Grammatik und Satzbau
"Die größte Herausforderung war es, die ganzen Querverweise zwischen den Songs zu erhalten."
Sera Finale, Rapper und Übersetzer

Lin-Manuel Miranda habe so viele Binnenreime benutzt, dass das an manchen Stellen nicht zu 100 Prozent übersetzbar gewesen sei. Um den Flow zu erhalten, hätten sie daher selbst, an anderen Stellen, noch mehr Reime eingebaut. Die größte Herausforderung sei gewesen, die ganzen Querverweise, die von Lied zu Lied bestehen, zu erhalten. Insgesamt sei das ganze Stück in sich so verwoben und verstrickt wie ein Labyrinth.