Dass wir während der Corona-Krise viele Songs von früher hören, ist kein Zufall. Denn unser derzeitiger Musikgeschmack hat viel mit Nostalgie und Erinnerung zu tun.

Der Soundtrack zur Corona-Pandemie scheint unsere Throwback-Playlist zu sein. Das bestätigen Daten des Streaming-Riesen Spotify, die zeigen, dass wir gerade viel mehr ältere Songs hören als sonst.

Musik ist immer Teil einer Erinnerung

Alte Lieder versetzen uns zurück in eine positive Zeit, sagt Musikwissenschaftler Martin Lücke, Professor an der Macromedia Hochschule in Berlin.

"Songs von früher versetzen uns idealerweise in eine Stimmung, die wir schon mal erlebt haben – das ist oft eine positive Stimmung." Das kann zum Beispiel ein tolles Erlebnis mit Freundinnen und Freunden sein, aber auch der erste Kuss, die erste WG.

Die an Songs geknüpfte Erinnerungen können dabei auch schon mehrere Jahrzehnte alt sein, sagt Martin Lücke.

"Nostalgie-Phasen hat es schon immer gegeben"

Die Gewohnheits-, Geborgenheits- und Nostalgie-Gefühle, die wir gerade durch ältere Musik mitnehmen, helfen uns, die neuen Erfahrungen der Coronazeit zu verarbeiten, sagt Lücke: "Für viele ist das ein Rückgriff auf etwas, das sie kennen – in einer Welt, die sie inzwischen nicht mehr kennen."

Das sei aber nicht nur während der jetzigen Krise so. "Diese Nostalgie-Phasen hat es schon immer schon gegeben und wird es auch immer geben", erklärt Lücke.

"Mit Ende 20 weiß ich, was mir gefällt."
Martin Lücke, Musikwissenschaftler an der Hochschule Macromedia Berlin

Die Songs von früher seien zwar für alle unterschiedlich, es gebe aber immer ein bestimmtes Alter, das diese Songs ausmacht: Die aktivste Musikzeit fange in den Teenager-Jahren an und dauere bis in die Zwanziger hinein.

"Dann hört es bei vielen auf. Hinzu kommt, dass sich mit Ende 20 mein Musikgeschmack ein bisschen manifestiert hat – dann weiß ich einfach, was mit gefällt", sagt Lücke.

Unser Musikgeschmack verfestigt sich

Eine Melodie, die alle ermuntern würde, gibt es nicht, meint Martin Lücke – Geschmack und Erinnerung sind immer daran geknüpft, wann die Laune hochgeht, und das sei bei allen individuell.

Der Wissenschaftler zeigt gerne am Beispiel Schlager, dass wir unseren Geschmack aber auch nicht immer zugeben: Die meisten lehnen diese Musikrichtung ab, "aber spätestens nach zweiten Flasche Bier und Udo Jürgens' 'Ich war noch niemals in New York' singen alle mit."

Das seien sogenannte nostalgische Evergreens, "weil diese Lieder omnipräsent waren und weil wir sie in unser Gedächtnis mit aufgenommen haben."

Der Forscher ist sich auch sicher, dass es in zehn Jahren so etwas wie eine Corona-Playlist geben wird – also ein musikalisches Best-Of aus der jetzigen Zeit.