Vykinta Ajami ist praktizierende Muslima. Nach dem Terror in Frankreich erzählt sie von den Reaktionen der Muslime in Deutschland auf die Gewalt in und um Paris. Die Kölnerin spricht auch über die Ängste, die Muslime jetzt haben. Die Gesellschaft müsse zusammenrücken und gemeinsam gegen Gewalt und Extremismus kämpfen. Dies seien die eigentlichen Probleme, nicht die Religion.

"Ich war schockiert über die Brutalität und Grausamkeit der Tat", sagt Vykinta Ajami über den Terror der vergangenen Tage in Frankreich. Zwei Attentäter hatten die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo angegriffen und zwölf Menschen erschossen. Ein weiterer Täter hatte einen jüdischen Supermarkt überfallen und Geiseln genommen. Er soll vier Geiseln direkt nach seinem Eindringen erschossen haben. Am Freitag (09. Januar) beendete die Polizei die Gewalt, die drei Attentäter starben.

Schock und Angst

Nach dem Terror in Frankreich hat die 36-Jährige zugleich die Sorge, dass die Stimmung in der Gesellschaft kippen könnte. Schon länger würden Muslime in der Öffentlichkeit verbal und teils auch körperlich angegriffen. "Aber mich hat auch die Kundgebung in Köln gegen Pegida sehr berührt", sagt Vykinta. Am Montag (5. Januar) hatten tausende von Kölnern eine Demonstration von Pegida friedlich aufgehalten. "Da fühle ich mich als Muslima nicht allein", sagt die Kölnerin.

"Extremistische Gesinnungen gibt es in jeder Religion."
Vykinta Ajami

Vykinta ist praktizierende Muslima. Der Islam begleitet sie in ihrem Alltag und in ihrem Beruf, auch bei Entscheidungen gibt ihr die Religion Orientierung. "Für mich ist der Islam Frieden und Barmherzigkeit", sagt sie.

"Extremistische Gesinnungen gibt es in jeder Religion", sagt Vykinta. Die eigentlichen Probleme, das sind Extremismus und Terrorismus, so die Kölnerin. Diese gelte es gesamtgesellschaftlich zu bekämpfen - egal unter welchem Deckmantel sie daher kommen. Religion sei nicht das Problem.

Wir stehen zusammen

Im Kampf gegen die Gewalt solle man zusammenstehen und sich nun nicht gegenseitig bekämpfen, so Vykinta weiter. Wichtig seien vor allem persönliche Kontakte, die am ehesten Brücken zwischen Menschen bauen und Vorurteile abbauen könnten. Vykinta selbst engagiert sich für den interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus. Sie wurde 1978 in Litauen geboren und studierte im litauischen Klaipeda sowie in Berlin Germanistik, Linguistik und Arabistik. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin.

Keine Kluft in der Gesellschaft entstehen lassen

Am Freitag war der Terror in Frankreich auch Thema bei den Freitagsgebeten in den Moscheen, berichtet Vykinta. Es sei den Opfern gedacht und den Hinterbliebenen Beileid ausgesprochen worden. Die Imame hätten dazu aufgefordert, keine Kluft in der Gesellschaft entstehen zu lassen. Der Zentralrat der Muslime habe eindeutig Stellung bezogen und den Terror auf das Schärfste verurteilt.

"Je suis Charlie", also "Ich bin Charlie", wurde zum weltweiten Motto der Solidarität nach dem Attentat auf das Magazin "Charlie Hebdo". Vynkinta möchte lieber ein anderes Motto für sich wählen, nämlich einen Spruch von Voltaire, der sinngemäß lautet: "Ich teile vielleicht nicht deine Meinung. Aber ich gebe mein Leben dafür, dass du diese frei sagen kannst."