Femen-Aktivistinnen ziehen bei Demos und Protesten blank, um Aufmerksamkeit für ihre Sache zu gewinnen. Gleichzeitig wird an anderen Stellen gerade für die Normalisierung und der Entsexualisierung der weiblichen Brust gekämpft. Die Protestform bleibt ambivalent, findet Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas.

Egal, ob nackt auf dem Altar des Kölner Doms gegen patriarchale Haltungen der katholischen Kirche, oben ohne, wenn Silvio Berlusconi an der Wahlurne seine Stimme abgibt oder nackt bei einer Versammlung der Jungen Union in Dithmarschen, um gegen Abtreibungsverbote zu protesteieren – Blankziehen weckt die Aufmerksamkeit der Medien.

"Blankziehen funktioniert noch immer, wenn Aufmerksamkeit generiert und journalistische Berichterstattung angefacht werden soll."
Tanja Thomas, Professorin für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen

Tanja Thomas ist Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Sie erforscht schwerpunktmäßig Transformationen der Medienkultur und untersucht verschiedene Protestformen auf ihre Medienwirksamkeit.

Sie sagt: Erstaunlicherweise funktioniert es heutzutage immer noch sehr gut, durch nackte Brüste die Aufmerksamkeit der Berichterstattung auf sich zu ziehen. Allerdings nicht immer für die politische Botschaft, die eigentlich transportiert werden soll.

Ohne Brüste oft keine Reaktion auf Proteste

Wie berechenbar Medien auf Brüste reagieren, ist spätestens seit 2012 klar, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Stephan Beuting. Menschen protestierten vor dem Brandenburger Tor für die Bewegungsfreiheit von Asylbewerber*innen und Abschiebestopp. Über den Protest wurde kaum berichtet.

Das änderte sich, als Mitglieder der Piratenpartei in einem Blog ankündigten, dass sie in Zukunft Oben Ohne protestieren würden. Sofort stand die Presse auf dem Plan. Aber: Niemand zog blank.

"Statt wie angekündigt blank zu ziehen, kritisierten die Demonstrierenden die Presse: Hier hungern Menschen und ihr braucht blanke Brüste um zu kommen."
Tanja Thomas, Professorin für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen

Stattdessen hielten die Demonstrierenden Schilder hoch, auf denen sie die Presse für ihre Sensationslust anprangerten. Leider laufe es bei nackten Protesten oft darauf hinaus, dass die Presse über die Protestform, aber nicht über die politische Botschaft dahinter berichte, so die Medienwissenschaftlerin. Oder aber die Berichterstattung fokussiere sich auf die Reaktionen der Personen, gegen die der Protest sich richtet.

Manche reagieren sogar erfreut oder belustigt und hebeln so die politische Wirksamkeit zynisch aus. Gleichzeitig birgt die Protestform auch ein anderes Risiko: Indem durch die weibliche Brust Aufmerksamkeit generiert wird, kann es zu keiner Normalisierung ebendieser kommen.

"Sehr häufig werden die Brüste medial gezeigt, die auch den Normerwartungen entsprechen."
Tanja Thomas, Professorin für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen

Außerdem würden in der Berichterstattung der Oben-Ohne-Proteste oftmals gerade Brüste gezeigt, die den Normerwartungen entsprechen. Das wiederum reproduziert etablierte Formen normgerechter weiblicher Körper, sagt Tanja Thomas.

Journalist*innen sollten darum immer wieder darüber nachdenken, was das eigentlich Berichtenswerte eines Protests ist: Die Protestform oder aber die Inhalte, die dahinter stehen.