"Uns geht es doch gut!" Auf dieser weitverbreiteten Meinung hätten sich die Politiker zu lange ausgeruht, glaubt Wilhelm Heitmeyer. Die schon 2002 wahrnehmbaren Prozesse hin zu einem Rechtsradikalismus seien von den politischen Instanzen unterschätzt worden. Der Sozialwissenschaftler analysiert in seinem Vortrag, inwieweit die Anfänge der Radikalisierung schon lange hinter uns liegen.

Lange hat der Soziologe Wilhelm Heitmeyer noch von Rechtspopulismus gesprochen. Doch mittlerweile ist dieses Substantiv aus seiner Sicht zu schwach geworden. Wilhelm Heitmeyer spricht nun von einem Nationalradikalismus, der die Bundesrepublik durchziehe, und vergleicht ihn mit einer Art Gewitter, das nicht plötzlich hereingebrochen sei und das auch nicht schnell wieder abziehe. In der Bevölkerung registriert er eine sogenannte "Demokratie-Entleerung".

"Der Begriff Rechtspopulismus ist angesichts der Aktivitäten der AfD völlig verharmlosend."
Wilhelm Heitmeyer, Soziologe

Schon 2002 waren nach Wilhelm Heitmeyers Beobachtungen 20 Prozent der Bevölkerung stark rechts eingestellt. Er verweist darauf, dass dieser Teil der Wahlberechtigten seine Stimme mal der CDU, mal der SPD und anderen Parteien gegeben hat oder gar nicht zur Abstimmung gegangen ist. Nach der Etablierung der AfD habe dieses größer werdende Kontingent jedoch einen politischen Ort gefunden.

Geschlechterrollen und Nationalradikalimus

Während Wilhelm Heitmeyer feststellt, dass die AfD einen autoritären Nationalradikalismus vertritt, befasst sich die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer mit den Geschlechterrollen im rechtsextremen Spektrum. Frauen wie Männer haben danach in den vergangenen Jahrzehnten sich wandelnde Belastungen ertragen müssen - wie etwa die Alleinerziehung oder Mehrfachbelastungen durch Erwerbsarbeit, Haushalt und Kindererziehung. Diese Überforderung sei durch die Rechte bewusst aufgegriffen und instrumentalisiert worden.

"Ich glaube, es geht der Rechten um ein viel umfassenderes, hegemoniales neues Geschlechterprojekt."
Birgit Sauer, Politikwissenschaftlerin Universität Wien

Birgit Sauer bezieht sich dabei unter anderem auf Björn Höckes "wehrhafte Männlichkeit" und eine Krise der Männlichkeit, die von der AfD ganz offen propagiert werde.

"Autoritärer Nationalradikalismus. Politisches Wachstumsmodell im landnehmenden Kapitalismus" - zu diesem Thema hat Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld am 26. September 2019 gesprochen. Er hat dort das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung aufgebaut.

Auf seinen Vortrag folgt der Kurzvortrag der Wiener Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer. Sie forscht zu "Governance und Geschlecht". Zu dem Thema "Nationalradikalismus" waren die beiden an der Universität Jena zu Gast. Veranstalter dort war das Institut für Soziologie.