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Neid ist nicht zwangsläufig Missgunst, findet Leonie. Manchmal trübt das Gefühl ihre Freude für andere. Daher geht sie inzwischen bewusst damit um. Wenn wir herausfinden, was hinter dem Neid steckt, kann das eine Freundschaft stärken, sagt eine Expertin.

Ein traumhafter Karibikurlaub, ein angesagtes Fashion-Piece oder eine richtig teure Siebträgermaschine für zu Hause: Wenn Freunde oder Freundinnen Leonie erzählen, was sie sich einfach so mal geleistet haben, dann kann schon auch mal der Neid in ihr hochkommen.

Auch wenn sie sich gelegentlich dafür schämt, geht sie dennoch recht offen mit dieser Emotion um. Aber oft, wenn sie mit Freunden über dieses Gefühl spricht, kommt Widerstand auf. Denn häufig wird Neid als Missgunst missverstanden.

Dabei hat Leonie gar kein Problem damit, anderen etwas Schönes zu gönnen. Viel eher empfindet sie eine kleine Trauer oder Enttäuschung, wenn es sich um etwas handelt, das sie auch gerne hätte, sich aber nicht leisten kann.

"Nur weil ich neidisch bin, will ich der Person das ja nicht wegnehmen. Ich freue mich für die Person und ich will ja, dass die das hat. Ich hätte es nur leider auch gern."
Leonie, schämt sich manchmal dafür, dass sie neidisch ist

Manchmal schämt sich Leonie auch für ihre Gefühle. Oft entsteht dann ein Gedankenkarussell in ihrem Kopf: Eine Diskussion darüber, ob ihre Gefühle gerechtfertigt sind – oder nicht. Dabei ist Leonie eigentlich klar, dass sie nichts Falsches tut, dass es auch okay ist, traurig darüber zu sein, wenn sie etwas nicht haben kann. Aber manchmal macht der Neid es schwerer für sie, sich in dem Moment für Andere zu freuen.

Den Gefühlen mehr Platz einräumen

Sie sagt aber selbst auch, dass sie beiden Gefühlen mehr Raum geben sollte: Sowohl der Freude für den anderen als auch der Enttäuschung, dass sie selbst gefühlt zu kurz kommt.

Die Scham entsteht ihrer Meinung nach auch deshalb, weil Neid in unserer Gesellschaft negativ konnotiert ist, sagt Leonie. Neid werde von vielen mit Missgunst gleichgesetzt. Für sie hat das eine aber nichts mit dem anderen zu tun.

Um besser mit ihren Neidgefühlen umgehen zu können, ist Leonie dazu übergegangen, sie nicht mehr zu verdrängen. Stattdessen versucht sie, sich ganz bewusst damit auseinanderzusetzen, und spricht es sogar direkt an, wenn sie merkt, dass sie sich für jemanden anderen nicht so freuen kann, wie sie es gerne würde.

Gefühle zulassen und sich öffnen

Als ihr Freund ihr einmal atemberaubende Fotos von einem USA-Trip zeigt und Leonie selbst bemerkt, wie gleichgültig sie reagiert, äußert sie das ihrem Freund gegenüber auch. Sie sagt ihm, dass sie sich gerne mehr freuen würde, aber auch irgendwie neidisch auf seine Erfahrung ist. Auch wenn das möglicherweise im ersten Moment verletzend wirken kann, bietet es die Möglichkeit, offen aufeinander zuzugehen und sich auf den anderen einzulassen.

"Besonders häufig fühle ich Neid im Berufskontext, aber auch bei Familie, Reisen und wenn es um finanzielle Möglichkeiten und Freiheiten geht. Ich schäme mich dafür auch oft ganz doll."
Leonie, fällt es schwerer sich für andere zu freuen, wenn sie gleichzeitig neidisch ist

Christian von Scheve ist Emotionsforscher. Er leitet den Fachbereich Soziologie der Emotionen an der Freien Universität Berlin. Neid entsteht oft durch einen unvorteilhaften Aufwärtsvergleich, erklärt der Soziologe. Das bedeutet, dass wir uns mit einer Person vergleichen, die wir für höher oder besser gestellt halten.

Neid als Spiegel für vermeintliche eigene Defizite

Das tun wir meist dann, wenn wir glauben, dass dieser Mensch über Eigenschaften, Ressourcen oder Fähigkeiten verfügt, die wir selbst auch gerne hätten – es aber nicht tun, sagt Christian von Scheve. Wir spüren also ein Defizit in uns selbst. Dass wir eher in Freundschaften Neid empfinden als mit Fremden, liegt für den Soziologen dabei nahe.

"Damit Neid entsteht, muss sich die Person, mit der ich mich unvorteilhaft vergleiche, im sozialen Raum in meiner Nähe befinden. Ich beneide also nicht den großen Popstar um seine Stimme."
Christian von Scheve, Soziologe und Emotionsforscher

Neid ist eine komplexe Emotionen zwischen einer Bewertung und einem Gefühl, sagt Simone Engler. Sie ist Psychotherapeutin in Ausbildung in Wien. Oft kommen Freundinnen zu ihr, die aufgrund von Neid emptional von einander entfernt haben. Simone Engler versucht dann herauszufinden, worum es wirklich geht. Was der Auslöser war und welche Gefühle und Gedanken sich hinter dem Neid verbergen.

Wenn das Gefühl von Sicherheit, Bindung oder Autonomie fehlt

Sie sagt, dass im Prinzip jeder von uns Neid empfinden kann. Die Psychotherapeutin in Ausbildung geht davon aus, dass dieses Gefühl besonders bei Menschen ausgeprägt sein kann, deren Grundbedürfnisse in der Kindheit oder Jugend nicht ausreichend gestillt wurden. Das kann auch Menschen betreffen, bei denen das aktuell auch nicht der Fall ist. Also Personen, denen das Gefühl von Sicherheit, Bindung oder Autonomie fehlt, sagt Simone Engler.

Neid nur als Defizit zu betrachten, ist für Simone Engler zu kurz gedacht. Neid kann uns helfen, festzustellen, was wir vermissen und was wir uns für uns selbst wünschen oder erträumen. Diese Emotion kann uns einen Hinweis darauf geben, unsere Reaktion und unser Verhalten zu reflektieren und möglicherweise zu ändern.

"Neid ist eigentlich auch etwas total Spannendes und Hilfreiches, um meine eigene Reaktion zu überdenken und mein Verhalten möglicherweise anzupassen. Und so die Freundschaft auch zu stärken."
Simone Engler, Psychotherapeutin in Ausbildung 

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Shownotes
Neid und Freundschaft
Müssen wir immer gönnen?
vom 06. Februar 2026
Gesprächspartnerin: 
Leonie, vergleicht sich viel und ist oft neidisch 
Gesprächspartner: 
Christian von Scheve, Emotionsforscher und Leiter des Fachbereichs Soziologie der Emotionen an der FU Berlin 
Gesprächspartnerin: 
Simone Engler, Psychotherapeutin in Ausbildung 
Autorin und Host: 
Shalin Rogall 
Redaktion: 
Yevgeniya Shcherbakova, Sarah Brendel, Anne Bohlmann, Friederike Seeger 
Produktion: 
Conny Preißel