Der Psychologie-Professor Niels Birbaumer hat einen Selbstversuch gemacht, der auf den ersten Blick sehr, sehr gruselig erscheint. Birbaumer ließ sich Curare spritzen, ein Nervengift, das sämtliche Muskeln lähmt, den Geist aber nicht beeinträchtigt. Warum macht man so was? Das wollte unser Reporter Daniel Stender auch wissen.

"Ich finde, dass jeder, der so etwas ernsthaft wissenschaftlich betreibt, der das Tieren und anderen Menschen zumutet, der muss das gefälligst an sich selber probieren."
Niels Birbaumer, Psychologie-Professor an der Universität Tübingen

Niels Birbaumer ließ sich Anfang der 70er Jahre, als er Doktorand an der Rockefeller University in New York war, Curare spritzen. Das ist ein Gift, das Amazonas-Indianer für die Jagd verwenden. Die Dosis, die er sich spritzen ließ, ist unter normalen Umständen tödlich. Aber Birbaumer ließ sich während seines Experiments durch einen Anästhesisten künstlich beatmen.

Portrait von Niels Birbaumer
© dpa
Der Psychologe Niels Birbaumer ließ sich zu Forschungszwecken das Nervengift Curare spritzen.
"Der Effekt war überraschend, weil mit der Lähmung kam sofort die Entspannung. Man konnte sich gar nicht wehren gegen diese vollkommene Muskelentspannung."
Niels Birbaumer, Psychologie-Professor an der Universität Tübingen

Birbaumer schildert, wie er innerhalb weniger Sekunden vollständig gelähmt war - und zwar bei vollem Bewusstsein. Sein entspanntes Curare-Erlebnis erklärt Birbaumer damit, dass er vollkommenes Vertrauen in den Anästhesisten hatte, der ihn bei seinem Experiment begleitete.

Locked-In-Syndrom

Sein Lähmungs-Erlebnis hat Birbaumer dann später in der Forschung helfen können, als er sich begann mit Locked-In-Patienten zu beschäftigen. Etwa 3000 Menschen in Deutschland sind vollständig gelähmt. Stecken in ihrem Körper, ohne sich mitteilen zu können. Birbaumers persönlicher Ausflug in die Lähmung hat nur ungefähr eine Stunde gedauert. Damit kann er natürlich noch lange nicht behaupten, er würde verstehen, was es für Patienten bedeutet, die seit Jahren gelähmt sind.

"Dann stellt die Familie die Beatmung ab, und der Patient will vielleicht gar nicht."
Niels Birbaumer, Psychologie-Professor an der Universität Tübingen

Dennoch beschäftigen er und seine Mitarbeiter sich mit Kommunikationsmöglichkeiten, um mit Locked-In-Patienten in Kontakt zu treten. Entsprechend kritisch sieht Birbaumer auch Patientenverfügungen, in denen oft lange vor einer Locked-In-Erkrankung über Leben und Tod entschieden wird. Denn wenn der Fall eintritt, können die Patienten nur selten mitteilen, ob sie weiterleben wollen oder nicht.