Wer an einen Job oder ein Praktikum kommt, weil die Person eine andere kennt, die wiederum eine andere kennt, dann klingt das oft nach einem unfair erschlichenen Vorteil. Dabei ist ein Netzwerk zu haben, ein wichtiger Grundstein für die eigene Karriere.

Klüngel, Vitamin B, Vetternwirtschaft – gemeint ist immer dasselbe: Netzwerke, die mir weiterhelfen, wenn ich Unterstützung brauche. Einige finden das aber unfair. Sie finden, dass es nur auf die eigene Leistung ankommen sollte. Ob wir das unfair oder normal finden, hängt oft damit zusammen, wie wir aufgewachsen sind.

"Eine gute Leistung ist zwar die Grundlage für Erfolg – aber es müssen auch die richtigen Leute davon hören und davon hören, was ich kann."
Armin Himmelrath, Bildungsjournalist

Armin Himmelrath ist Bildungsjournalist und er meint: Ein Netzwerk zu haben, ist ein wichtiger Grundbaustein für die eigene Karriere. Denn damit die eigene Leistung zum Tragen kommt, müssen auch andere Menschen davon Wind bekommen.

Netzwerken oft von Menschen aus bildungsfernen Haushalten unterschätzt

Dieser Faktor des Netzwerkens wird oft unterschätzt. Vor allem von Menschen die aus eher bildungsfernen Haushalten stammen. Auch unser Experte sagt: Ob jemand gut netzwerken kann, könnte doch unabhängig von Klasse oder Schicht sein. Faktisch sei es das aber nicht. Denn gutes Netzwerken brauche Vorbilder.

"Netzwerken fällt schwerer, wenn nicht beide Eltern Akademiker*innen sind, keine 1000 Bücher zu Hause haben und nicht dauernd irgendwelche Gespräche mit Freunden von Freunden hören."
Armin Himmelrath, Bildungsjournalist

Netzwerken ist etwas, was oft in der eigenen Familie und Umgebung gelernt wird, so der Experte. Wenn wir das nicht lernen, ist das nicht nur ein Nachteil – sondern wird zum Teufelskreis. Viele würden dazu neigen, allein die eigene Leistung als Maßstab für Erfolg oder Misserfolg anzulegen. Das führe auch dazu, dass gerade Kinder aus Arbeiterfamilien oft das Gefühl haben, sie seien selbst schuld, wenn es mit der Schule oder der Uni nicht klappt.

"Wer das Gefühl hat, die eigene Karriere nicht beeinflussen zu können, hat oft Lebenserfahrungen gemacht, die dazu führen: in der Schule, bei Bewerbungen um Lehrstellen, wenn jemand den falschen Namen hat oder die falsche Adresse."
Michael Hartmann, Soziologe und Elitenforscher

Michael Hartmann ist Soziologe und erforscht Eliten. Er meint: Gerade Kinder aus Arbeiterfamilien würden durch ihre Erfahrungen oft verunsichert und treten dann auch mit weniger Selbstbewusstsein auf – was wiederum oft zu Erfolglosigkeit führe. Dieses Verhalten verfestige sich und die Erfolglosigkeit werde quasi erlernt.

Oft Scheu, Netzwerke aufzubauen

In solchen Fällen könnten Netzwerke einen zwar auffangen, doch gerade die fehlen bei solchen Menschen oft. Denn sie bauen Netzwerke oft nicht proaktiv auf, aus dem Glauben, sie könnten den anderen Personen nichts bieten. Obwohl das in Realität oft gar nicht der Fall ist.

"Am besten früh mit Netzwerken anfangen. Das muss nicht immer zum Lernen sein, sondern kann auch ein Kaffee in der Mensa oder mit einer Person aus der Verwandtschaft mit gleichen Interessen sein."
Armin Himmelrath, Bildungsjournalist

Unser Experte rät deshalb: früh mit dem Netzwerken anfangen. Das können Lerngruppen sein oder auch Treffen mit der Fachschaft oder auch völlig andere Bekanntschaften. Wer auf keine Bekanntschaften aus dem Verwandtenkreis zurückgreifen kann, sollte sich nicht entmutigen lassen. Denn: Es gibt viele Menschen, denen es so geht.

Unterstützung für Menschen aus Arbeiterfamilien

Deshalb gibt es auch immer mehr Unterstützung und bestehende Netzwerke für Menschen die aus Arbeiterfamilien kommen. So zum Beispiel Arbeiterkind.de. Dort können alle, die in ihrer Familie als erste studieren, eine Menge Infos und Unterstützung erhalten.

Solche Netzwerke gibt es auch für spezifische Bereiche, von Mathe bis Medizin zu Journalismus, etwa die Neuen Medienmacher.

"Netzwerken ist nichts anderes als sich nach Mentorinnen umzusehen und sich auszutauschen."
Armin Himmelrath, Bildungsjournalist

In solchen Zusammenschlüssen treffen Menschen aus Arbeiterfamilien bereits auf ein großes Netzwerk und können sich mit Menschen austauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und Kontakte zu Fortgeschrittenen, älteren Studis oder auch Dozierenden aufbauen. Denn gerade darum geht es beim Netzwerken: Sich auszutauschen und nicht alles aus sich selbst heraus schöpfen zu müssen.