Wenn wir mit Menschen sprechen, die einen anderen sozioökonomischen Hintergrund als wir selbst haben, reagiert unser Gehirn aktiver. Wir suchen danach, Einkommens- oder Bildungsunterschiede zu überwinden.

Forschende des University College London und Yale University wollten herausfinden, wie wir auf Menschen reagieren, die eine andere sozioökonomische Herkunft als wir selbst haben. Dafür sollten sich 39 Paaren miteinander unterhalten. Die Teilnehmenden wurde so ausgewählt, dass sie alle ein unterschiedliches Bildungsniveau und Familieneinkommen haben. Selbst haben die Teilnehmenden nicht voneinander gewusst, wie der jeweilige Hintergrund des anderen ist. Um aufzuzeichnen, was während der Gespräche im Gehirn passiert, haben die Teilnehmenden Kopfhörer getragen.

Statt Plauderei Hirn einschalten

"Das waren ganz einfach Gesprächssituationen. Zwei Paare saßen sich gegenüber," beschreibt der Neurowissenschaftler Henning Beck die Untersuchungsanordnung. Der Inhalt der Gespräche sollte eher belanglos sein wie zum Beispiel Kuchenbacken oder Urlaubserzählungen. Danach sind die Teilnehmenden befragt worden, welchen Bildungsabschluss sie gemacht haben und wie hoch das Familieneinkommen ist. Alter und Geschlecht, was für die Teilnehmenden relativ leicht zu erkennen war, wurde aus der Studie herausgerechnet.

"Man hat festgestellt, es macht einen Unterschied, wenn die Leute einen unterschiedlichen Hintergrund haben."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Die Forschenden haben in ihrer Studie festgestellt, dass bei den Teilnehmenden im Frontallappen des Gehirns eine höhere Aktivität herrschte. Ihre Studie haben sie in der Fachzeitschrift Social Cognitive and Affective Neuroscience veröffentlicht.

Gehirn hilft uns beim Einlassen auf andere

Vom Gehirn wird dieser Unterschied, ob jemand einen Hochschulabschluss gemacht hat oder Schulabbrecher ist, sofort erkannt, sagt Henning Beck. Diese Region des Frontallappens im Gehirn stellt diese Unterschiede fest und passt dann die Gesprächsführung an.

Diesen Gehirnareale, die dafür zuständig sind, dass wir uns in jemanden hineinversetzen können, sind in solchen Gesprächen, in denen die Unterschiede sehr groß sind, besonders aktiv. Wir müssen dann viel stärker darüber nachdenken, wie wir unsere Gedanken formulieren, und passen unser Verhalten an.

"Das Gehirn schmeißt eine Region an, die für das Auf-den-anderen-Einlassen wichtig ist. Das ist anstrengender."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Henning Beck findet an der Studie erstaunlich, dass die Teilnehmenden innerhalb kurzer Zeit diese sozioökonomischen Unterschiede wahrnehmen konnten und sich an ihre Gesprächspartner und -partnerinnen angepasst haben.

Wir streben nach sozialem Zusammenhalt

Das durchaus positive Ergebnis der Studie ist, dass wir uns bemühen, egal ob der oder die andere ein höheres oder niedrigeres Bildungsniveau hat, uns so zu erklären, dass es der oder die andere versteht.

"Das Gehirn ist an sich neutral und erkennt erst einmal: Der andere ist anders als ich."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Das bedeutet aber auch: "Es ist nicht in Stein gemeißelt, wie wir über andere denken, sondern wir passen die Art an, wie wir über andere denken und mit ihnen sprechen", folgert Henning Beck. Wir nehmen die Unterschiede nicht als unüberwindbaren Gegensatz hin, sondern suchen nach sozialem Zusammenhalt, der Überwindung dieser Gegensätze und streben nach der Teamfähigkeit und gutem Zusammenleben.