Wenn Anna ihren Messenger checkt, sind da viele unbeantwortete Chats. Mit jedem Tag fühlt sie sich schlechter. Viele Apps sind so entwickelt, dass sie eine gewisse Dringlichkeit vermitteln - dennoch können wir der Sache Grenzen setzen.
Bei Anna sind es 29 Chats. Die hat sie bei Whatsapp nicht gelesen. Die anderen Messenger wie Signal und Telegram kommen noch oben drauf. Bei ihr ist immer irgendeine Nachricht im Kopf als "Mach ich später" abgespeichert. Das sorgt bei ihr für ein schlechtes Gewissen.
"Ich glaube, das ist eine der Sachen, die mich im Alltag am meisten quält. Weil das ein konstant schlechtes Gewissen und Schuldgefühl ist."
Die Chats hängen wie eine Wolke über ihrem Kopf und wollen nicht weg. "Vielleicht will mir jemand irgendwas erzählen oder denkt gerade an mich oder fragt, wie es mir geht. Es sind ja eigentlich sehr nette Gesprächsangebote, die mir da gemacht werden. Ich empfinde mich selbst dann so, als würde ich die kalte Schulter zeigen, wenn ich nicht darauf antworte", sagt sie. Je länger sie nicht antwortet, desto größer wird das schlechte Gewissen bei ihr.
(Nicht) erreichbar sein
Annas Gefühle lassen sich auch wissenschaftlich einordnen. Dahinter steckt die Befürchtung vor negativen Konsequenzen in unserem Miteinander. "Wir gehen davon aus, dass andere meine Antwortzeit interpretieren. Das heißt: Nicht nur der Inhalt, den ich antworte, ist entscheidend, sondern auch meine Antwortzeit wird von meinem Gegenüber gedeutet", so Kommunikationswissenschaftlerin Annabell Halfmann von der Uni Mannheim.
In ihrer Arbeit forscht sie zur Smartphone-Nutzung und Erreichbarkeit. Annabell Halfmann sagt, bestimmte Features von Smartphones und Apps wurden auch so entwickelt, damit wir schnell antworten: die Lesebestätigung, die Anzeige, wann jemand zuletzt online war oder Push-Nachrichten. All das kann den Druck auf uns erhöhen. "Mein Gegenüber sieht, dass ich beispielsweise online war und kann deswegen vermuten, dass ich eigentlich Zeit gehabt habe, zu antworten. Das Problem ist nur, dass solche Verfügbarkeitsindikatoren schlechte Indikatoren dafür sind, ob jemand tatsächlich Zeit hat für eine Antwort", erklärt sie.
Den Stress managen
Wir sollten uns auch bewusst machen, mit was für einer Menge an Nachrichten wir umgeben sind. Sich davon nicht stressen zu lassen, ist fast unmöglich, sagt Sven Lindberg. Er ist Professor für Klinische Entwicklungspsychologie an der Uni Paderborn.
Denn: Wir sind darauf sozialisiert, dass wir auf Anfragen antworten. Wenn uns jemand anspricht, antworten wir. Wenn uns jemand die Hand gibt, schütteln wir sie. Ein Chat sei von der Idee her damit vergleichbar. Das Problem: Chats kann es sehr viele geben.
"Diese Geschichte mit dem blauen Haken führt zu einer Dringlichkeit, die eigentlich gar nicht da ist."
Wir bekommen privat Nachrichten und beruflich. Und wir können die Nachrichten über viele verschiedene Kanäle empfangen: Über fast jedes soziale Netzwerk können wir inzwischen miteinander schreiben und bekommen etwas geschickt. "Das Schwierige daran ist, dass man durch die sozialen Normen das Gefühl hat, dass das mehr oder weniger synchron laufen müsste: Es kommt was und ich muss antworten. Aber eigentlich muss man sich das wie Briefe vorstellen: Es kommen Nachrichten und ich kann die auch Stück für Stück asynchron bearbeiten. Also nicht direkt, sondern irgendwann", so Sven Lindberg.
Struktur schaffen
Dafür können wir uns für unsere Kanäle eine Struktur überlegen und im Anschluss Erwartungshaltungen kommunizieren. Welche Kanäle und Chats sind wichtig? Und welche Zeiten möchten wir uns für das Antworten nehmen? Das können wir dann so weitergeben.
Wenn wir zum Beispiel eine Nachricht von einer guten Freundin bekommen, können wir transparent machen: Zu den Zeiten bin ich schlecht erreichbar oder ich brauche noch einen Moment. Ich melde mich am Ende des Tages oder am Ende der Woche. Wenn es wirklich wichtig ist, ruf mich an.
So können wir für uns den Druck rausnehmen und machen der anderen Person gleichzeitig klar, dass wir sie sehen und dass sie uns erreichen kann.
Anna findet es gut, wie ein Freund von ihr seine Erreichbarkeit regelt. Der hatte auch häufig ein schlechtes Gewissen wie sie und ist dann auf ein einfaches Handy umgestiegen. Also ein Handy ohne Apps, mit dem er aber telefonieren kann. "Tagsüber ist er quasi nur noch mit diesem Klapp-Handy unterwegs und kann nicht auf Nachrichten antworten. Das wissen auch all seine Friends und seine Familie. Abends nimmt er sich dann ein bisschen Zeit und guckt, was auf Whatsapp eingetrudelt ist", erzählt sie.
In der Podcast-Folge gibt Sven Lindberg noch mehr Tipps, wie wir mit dem Antwortdruck umgehen können und was wir machen können, wenn uns das Thema belastet. Anna teilt außerdem mehr von ihrem Dilemma. Klickt dafür oben auf den Play-Button.
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- Nowaczyk, Anna. (2026). Sorry für die späte Antwort. Frankfurter Allgemeine Zeitung.
