Lilith geht es schlecht, wenn sie zu viel am Smartphone hängt – deshalb hat sie für sich handyfreie Sonntage eingeführt. Wie schaffen wir, weniger online zu sein? Ein Experte erklärt, wie Digital Disconnection klappt.
Die großen Tech-Konzerne setzen mit ihren Algorithmen und Designs alles daran, uns auf diversen Plattformen zu halten. Wir verbringen viel Zeit mit dem Handy. Und vieles davon ist auch notwendig. Zum Beispiel wenn wir mit Friends kommunizieren oder das Online-Banking organisieren. Aber daneben gibt es dieses sinnlose Scrollen – Lilith geht es danach meist schlecht und deswegen hat sie seit einiger Zeit handyfreie Sonntage eingeführt.
"Ich schlafe viel, viel, viel schlechter ein. Ich merke es irgendwie an meinen Augen, also meine Augen werden so voll tränig und müde."
Sie merkt das an einer gewissen Nervosität, außerdem beobachtet sie, dass sie schlechter schläft, dass ihre Augen müde werden und tränen. Zudem sagt sie, dass sie nach extremem Smartphonekonsum weniger gut Zugang zu sich selbst findet. Damit meint Sie, dass sie schlechter fühlt, welche anderen Bedürfnisse sie eigentlich hat, zum Beispiel ob sie hungrig ist oder nicht.
Mehr Zeit durch Handyverzicht
Die Veränderung kam nach einem Gespräch mit ihrer damaligen Mitbewohnerin. "Wir haben voll lange über das Handy geredet und wie krass uns das irgendwie beeinflusst. Und dann waren wir so: 'Boah, lass morgen einfach mal unser Handy weglegen.' Und dann haben wir zum ersten Mal zusammen so einen handyfreien Sonntag gemacht."
Nach diesem ersten handyfreien Sonntag haben sie gemerkt, welchen Unterschied das macht. Und haben angefangen, es regelmäßig umzusetzen.
Samstagabend in den Flugmodus
Die Regeln sind sehr einfach, sagt Lilith: "Samstagabend geht's in den Flugmodus und erst Montagmorgen wieder raus aus dem Flugmodus. Es wird meistens in irgendeine Schublade reingelegt. Wenn wir kommunizieren müssen, dann machen wir es meistens über iMessage, über den Laptop oder so." Aber eigentlich versuchen sie es komplett zu vermeiden.
"Meistens sind die Sonntage die längsten Tage in der Woche für mich."
Lilith hat dadurch gemerkt, wie viel mehr Zeit sie auf einmal hat: "Ich steh meistens erst mal ganz entspannt auf, mach mir ein Frühstück, setz mich noch mal ins Bett oder so. Oft bin ich verabredet, auch mit meiner jetzigen Mitbewohnerin. Wir spielen viel, wir gehen spazieren. Dann male ich gerne, dafür hab ich dann auch auf einmal Zeit. Ich geh eine Runde spazieren, ohne Musik, ohne Podcast. Ich geh ins Gym, nehm mir Zeit für Sauna, nehm eine lange Dusche. Oder manchmal liege ich auch einfach nur auf meinem Bett rum und mach gar nichts. Also, eigentlich mach ich das, was ich sonntags immer mache, nur ohne Handy", sagt sie.
Mal angenommen, wir verbringen im Schnitt drei Stunden pro Tag am Smartphone, dann ist das am handyfreien Sonntag dementsprechend mehr Zeit für andere Dinge.
Unsere Mediennutzung ist heute so hoch wie noch nie. Martin André, Medienwissenschaftler an der Uni Köln, beschäftigt sich damit. Er sagt, viele Menschen würden sich jedoch ein anderes Internet wünschen: "Wenn die Menschen es irgendwie selbst gestalten dürften, dann würden sie ein ganz anderes Internet bauen. Aber das ist ja eben auch ein großes Problem, dass die Tech-Monopolisten dafür gesorgt haben, dass wir hier eigentlich keine Stimme mehr haben. Das heißt, wir haben keine Möglichkeit mehr mitzugestalten."
"Eigentlich müssen wir uns diese Freiheit wieder zurückholen und schauen, dass wir als Menschen wieder bestimmen, wie das Internet aussieht und eben nicht ein halbes Dutzend Tech-Konzerne."
Seiner Meinung nach reicht es nicht aus, einfach mal ein paar Tage auf das Handy zu verzichten. An den Strukturen – wie das heutige Internet funktioniert – könne man nur etwas ändern, wenn man politisch aktiv werde. "Wir haben unsere Stimme, unser Mitspracherecht verloren. Das ist genau das Gegenteil von dem, wofür das Internet, das World Wide Web ja ursprünglich mal entworfen wurde. Das können wir auch nicht durch individuelle Versuche, hier mal ein paar Tage Digital Detox zu machen, retten, sondern da müssen wir tatsächlich als Gesellschaft politisch aktiv werden", sagt Martin André. Der Medienwissenschaftler sieht auch nicht, dass es eine Art Offline-Renaissance gebe. Im Gegenteil, die Umsatzzahlen der Konzerne steigen konstant.
Für manche ist der Verzicht eher negativ
Der Verzicht aufs Smartphone hat jedoch nicht für alle die gleichen Effekte. Zum Beispiel hat eine Studie festgestellt, dass sich bei Jugendlichen auf dem Land eher negative Effekte zeigen, weil sie durch den Verzicht aufs Handy eher das Gefühl haben, weniger mit anderen connected zu sein. Weil sie einfach keine Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten bei sich in der Umgebung haben. Laut der Studie sind diese negativen Effekte tatsächlich gravierender als die negativen Effekte durch exzessive Handynutzung.
Julius Klingelhöfer ist Kommunikationswissenschaftler an der Uni in Nürnberg und er forscht zu Digital Disconnection, also zu Handypausen. Er und sein Team haben sich angeschaut, wie unser Wohlbefinden durch Handypausen beeinflusst wird. "Wir sehen eine leichte Verbesserung des Wohlbefindens in Situationen, in denen wir bewusst auf digitale Technologien verzichten." Aber eben auch nicht mehr.
Der Kommunikationswissenschaftler sagt, es gibt viele Dinge, die stärkeren Einfluss auf unser Wohlbefinden haben als unsere Mediennutzung, "beispielsweise Dinge, die in der Welt passieren, Dinge, die in unserem persönlichen Umfeld passieren, können viel einflussreicher sein als, was wir so machen mit unserem Smartphone oder ob wir was machen mit unserem Smartphone." Er sagt, aus Studien kann er keine Empfehlungen ableiten, wann unser Handykonsum vielleicht zu viel wird und rät deswegen, einfach auf das eigene Gefühl zu hören.
Außerdem rät Julius Klingelhöfer dazu, bewusst kleine Unterbrechungen in unsere Smartphone-Routinen einzubauen. Er spricht dabei von Friction: "Wir haben eine bestimmte Reihenfolge an Social-Media-Apps, die wir immer durchgehen und machen uns das Ganze nicht so bewusst. Das heißt, ein erster Schritt ist, sich das Ganze bewusst zu machen und dann zu schauen, an welchen Stellen kann ich hier mehr Friction einbauen. Es gibt beispielsweise Ansätze, wo man kleine Pausen macht, die einen dazu auffordern, nachzudenken, ob man jetzt wirklich diese App nutzen will, wenn man sie auf dem Smartphone hat."
Lilith genießt die Zeit ohne Smartphone
Lilith fiel es zuerst schwer, auf ihr Smartphone zu verzichten. Aber inzwischen sagt sie, sie freue sich richtig auf die handyfreie Zeit, weil sie inzwischen auch merkt, wie gut es ihr tut: "Ich bin irgendwie viel mehr bei mir selber. Ich merk auf einmal, wie viel Zeit ich habe, nachzudenken – sei es über irgendwelche banalen Dinge oder sei es auch mal über irgendwas Wichtigeres. Kommt einfach immer drauf an, in was für einer Lebensphase man grade steckt."
Außerdem fühlt sie sich mehr mit sich selbst verbunden. "Ich spür viel mehr, was ich grade brauche oder was nicht. Auch an Tagen, an denen es mir schlecht geht, spür ich auch viel mehr, dass es mir schlecht geht. Ich weine auch öfter an so Tagen, weil ich es mehr zulassen kann. Weil es nichts gibt, was mich von mir selber ablenkt", sagt sie.
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