In den USA läuft gerade ein möglicherweise wegweisender Prozess um das Sucht-Potential von Social Media. Der könnte auch uns beeinflussen. Auch in Deutschland wird derzeit heiß über schärfere Regeln für Social Media diskutiert.

Derzeit wird viel über Gefahren von Social-Media-Konsum diskutiert, Nutzungs-Verbote für Kinder und Jugendliche sind im Gespräch, Plattformen wie Youtube, Instrgram oder Tiktok werden juristisch unter die Lupe genommen. Das ist nicht nur in Deutschland und Europa so, sondern auch in den USA.

Dort läuft gerade ein Musterprozess dazu, inwiefern Social Media süchtig machen. Zwar gibt es derzeit etwa 2.000 weitere Klagen zu Social Media in den USA, aber dieser Prozess steht besonders im Fokus, weil er der erste seiner Art ist, erklärt der Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven.

Prozess: Social Media als Auslöser psychischer Erkrankungen?

Es geht dabei um die Frage, ob die Konzerne die User*innen absichtlich süchtig machen und – ganz wichtig – ob sie vielleicht für die Folgen haften müssen, also für gesundheitliche Schäden. Klägerin ist eine 20-Jährige, die im Alter von sechs Jahren anfing, Videos zu gucken – zuerst bei bei Youtube, dann auf Instagram, Snapchat, Tiktok.

Am Ende sei sie süchtig gewesen und Social Media hätten ihre Kindheit massiv verändert. Sie habe durch die Nutzung Ängste entwickelt und unter Depressionen gelitten. Die Konzerne machten Menschen absichtlich abhängig von Social Media, so ihre Argumentation.

"Der Vorwurf lautet: Die Konzerne machen das absichtlich – mit Endlos-Scrollen, mit Algorithmen und so weiter – damit die User länger dabei gehalten werden."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Snapchat und Tiktok sind bereits zurückgerudert, erzählt Nicolas, sie haben Vergleiche geschlossen. In welcher Höhe, das ist nicht bekannt. "Denen war ganz offensichtlich das Prozessrisiko viel zu groß", vermutet der Wirtschaftsjournalist.

YouTube von Alphabet und Instagram von Meta ziehen den Prozess nun durch. Spannend dabei: Schon im Vorfeld und auch während des Prozesse haben die Konzerne versucht, den Prozess auszuhebeln. In den USA gilt nämlich die Regel, dass die Unternehmen nicht für die Inhalte haftbar gemacht werden können, die Nutzer*innen hochladen. Das Argument der Konzerne: Wenn hier wirklich Sucht vorlag, dann seien die Inhalte Schuld, nicht die Plattformen.

Das Plattform-Design spielt eine zentrale Rolle

Die zuständige Richterin sah das allerdings anders und wies den Einwand zurück. Ihr klares Gegenargument: Hier geht es nicht um Inhalte, sondern es geht um die zugrundeliegende Technik, die gezielt so designed ist, dass User*innen bei der Stange gehalten werden.

Auf EU-Ebene werden auch längst Verbote erwogen. Auch in Deutschland gibt es derzeit eine Diskussion um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. So ein Prozess wie in den USA könnte auch hierzulande Stoff bieten, um für Reglementierungen von Social Media zu argumentieren, glaubt Nicolas Lieven.

Bemerkenswert findet er in dem Kontext auch den Ansatz in Australien, wo es bereits ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gibt: "Da lautet das Argument nämlich nicht, wir verbieten den Kids den Zugriff auf Social Media, sondern: Wir verbieten den Social-Media-Konzernen den Zugriff auf unsere Kids."

Bestehende Einschränkungen greifen nicht richtig

Natürlich gibt es schon Altersbeschränkungen und spezifische Datenschutzregeln für Minderjährige, auch in Deutschland. Aber die funktionieren nicht gut. Zum einen, ja, weil auch die Eltern hinterher sein müssen – so hat Australien nach Einführung des Verbots etwa die Erfahrung gemacht, dass Eltern ihren Kids mitunter ihre eigenen Accounts bereitgestellt haben, damit sie weiter Social Media nutzen können, berichtet Nicolas.

"Ja, die Eltern sind in der Pflicht. Aber die Konzerne sind es eben auch."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Aber Altersgrenzen müssten auch von den Konzernen richtig verfolgt werden, mahnten viele. Selbst Meta-Chef Mark Zuckerberg hat diese Woche als Zeuge bei dem Gerichtsprozess eingeräumt, derartige Kontrollen seien lange nicht so richtig gut gewesen, erzählt der Wirtschaftsjournalist. Und da hapert es offensichtlich – wohl aus ökonomischen Gründen, vermutet er. Mit Social Media und jungen Menschen lässt sich eben sehr sehr viel Geld machen.

"Jugendliche sind total interessant als Werbezielgruppe. Und deswegen ist da nicht so richtig Druck dahinter."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Der Markt ist riesig, ruft Nicoas noch mal in Erinnerung: "Wir haben einen Social-Media-Werbemarkt von 200 Milliarden Euro im vergangenen Jahr weltweit. Das ist ungefähr die Hälfte aller Investitionen in künstliche Intelligenz. Und die Wachstumsraten sind enorm."

Das meiste davon finde in den USA statt, aber vieles auch in Europa. Und Deutschland ist die Nummer zwei nach Großbritannien, sagt der Wirtschaftsjournalist. Die zentrale Frage sei, wie sich ein so riesiger Markt kontrollieren lässt.

Alterskontrollen müssen verschärft werden

In Deutschland soll es im kommenden Jahr eine Art digitale Ausweis-Börse von der Bundesregierung geben, in der man Perso, Führerschein etc. sammelt. Denkbar wäre etwa, dass festgelegt würde, dass man sich darüber dann bei Plattformen anmelden muss, um das Alter klar zu verifizieren. Nicolas ist da aber "wahnsinnig skeptisch".

Zum einen sei unklar, ob oder wann das überhaupt kommt. Und zweitens würde so etwas nur über Zwang funktionieren – und da ist Gegenwehr zu erwarten. Ohne verschärfte Alterskontrollen geht es nicht, glaubt er: "Du musst das einfach deutlich sicherer machen."

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Shownotes
Prozess gegen Instagram und YouTube
Social Media: Das lukrative Geschäft mit Kindern und Jugendlichen
vom 21. Februar 2026
Moderation: 
Ivy Norty
Gesprächspartner: 
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist