Depressionspotenzial, Cybermobbing, Suchtgefahr: Vieles spricht für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt ein Verbot für Unter-13-Jährige. Welche Alternativen gibt es?

Australien hat es vorgemacht. In der Debatte um ein mögliches Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche sprechen sich die Regierungsparteien Union und SPD mehrheitlich für ein solches Verbot aus.

Die SPD will ein vollständiges Verbot für unter 14-Jährige. Für 14-16-Jährige soll es eine "Jugendversion" ohne suchtverstärkende Funktionen wie endloses Scrollen geben. Eine Altersverifikation soll vor missbräuchlichem Gebrauch schützen. Auch die Union macht sich für ein Social-Media-Verbot für junge Menschen stark – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat "viel Sympathien" für entsprechende Vorschläge, sagt er.

Social-Media-Verbot: ja oder nein?

Die Linke will Plattformbetreiber stärker in die Pflicht nehmen, dass die Angebote sicherer werden – während sich AfD und FDP strikt gegen ein Verbot aussprechen. Die Grünen signalisieren, dass sie dem SPD-Vorstoß für ein Verbot für unter-14-Jährige zustimmen würden.

Quasi alle Parteien sprechen davon, die Medienkompetenz von Minderjährigen stärken zu wollen. Medienpädagoge Markus Gerstmann veranstaltet regelmäßig Workshops mit Schüler*innen zum Thema Medienkompetenz. Er beobachtet, wie das Thema Kinder beschäftigt.

"Das mögliche Verbot ist ein Thema bei Kindern. Sie haben Lösungen, die Altersverifikation zu umgehen. Zum Beispiel, indem sie sich einen Bart ankleben."
Markus Gerstmann, Medienpädagoge

Manche Kinder kleben sich für die Altersverifikation einen Bart an. Oder sie halten kurz das Gesicht der Eltern in die Kamera. Manche Kinder berichten auch, "dass die Eltern gar nicht schnallen, was ich da gerade mit dem Handy und der Kamera mache, und dann mache ich weiter mit Social Media", sagt Markus Gerstmann.

Viele Kinder, mit denen der Fachmann arbeitet, hätten Lösungen parat. Sie wüssten zum Beispiel, dass es einen VPN-Tunnel gibt. Die Kinder sind gegen ein generelles Verbot.

VPN-Tunnel: Tricks, um beim Alter zu schummeln

Markus Gerstmann differenziert zwischen Kindern und Jugendlichen. Jugendliche könnten in der Regel kompetent mit Medien umgehen, "aber sie müssen begleitet und erzogen werden." Ein erster Schritt wäre, die schon vorhandene Altersfreigabe – bei Tiktok – auch konsequent umzusetzen.

"Tiktok ist schon jetzt erst ab 13 Jahren nutzbar, nur müssen Eltern die Beschränkung konsequent durchsetzen. Auch nach einem möglichen Verbot bleibt die Verantwortung bei den Eltern."
Markus Gerstmann, Medienpädagoge

Medienpädagoge Markus Gerstmann argumentiert, dass Politiker*innen versuchen sollten, die großen US-amerikanischen Konzerne zu regulieren. Er erinnert an die EU-Klage gegen Tiktok, die verlangt, dass der chinesische Konzern die süchtig machenden Algorithmen abschalten muss.

Experte: Politik muss Tech-Konzerne regulieren

Die Lösung könne nicht sein, so Gerstmann, "dass wir lieber Kindern Sachen verbieten als Politik gegen Stärkere zu machen."

"Die Tech-Konzerne machen Milliardengewinne. Sie sollten es hinkriegen, das zu regeln."
Markus Gerstmann, Medienpädagoge

Die mögliche Umsetzung eines Verbots liegt nicht exklusiv in der Hand von Deutschland. Der Digital Services Act ist ein EU-Gesetz. Er muss länderübergreifend beschlossen und in Irland umgesetzt werden, sagt Markus Gerstmann.

Denn dort "sitzen die Anbieter dieser Social-Media-Plattformen in Europa. Das ist also gar nicht so einfach", so der Fachmann. Die deutsche Politik suggeriere hier zwar Handlungsmacht, am Ende werde es aber lange dauern, bis etwas passiert.

Markus Gerstmann findet, dass die Medienkompetenz für Jugendliche weiter gefördert werde sollte – während im Hintergrund die Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden.

Shownotes
Debatte
Medienkompetenz statt Social-Media-Verbot
vom 19. Februar 2026
Moderation: 
Till Haase, Sebastian Sonntag
Gesprächspartner: 
Markus Gerstmann, Medienpädagoge