Über Monate haben Corona-Leugner die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr bedroht. Ihre Bitte um Schutz wurde von der Polizei nicht ernst genommen. Die Ärztin hat viel Geld in Sicherheitsmaßnahmen in ihrer Praxis investiert. Nun hat sie ihr Leben beendet.

Die 36-jährige Lisa-Maria Kellermayr war Allgemeinmedizinerin. Von Beginn der Coronavirus-Pandemie an beschäftigte sie sich intensiv mit der Covid-19-Infektion. Sie meldete sich auch als Freiwillige, als in der ersten Welle Ärzte gesucht wurden, die Infizierte behandeln.

Damals fing sie auch damit an, auf Twitter über die Viruserkrankung zu informieren, sagt die Journalistin Eva Konzett, die für die österreichische Wochenzeitung Falter arbeitet.

Die Rolle der Polizei

Im November 2021 kritisierte die Ärztin eine Demo vor dem Klinikum in Wels-Grieskirchen auf. Die Landespolizeidirektion Oberösterreich antwortete darauf und sprach von einer "Falschmeldung". Denn es habe noch eine nicht blockierte Zufahrt auf der Rückseite des Krankenhauses gegeben.

Dieser Tweet der Polizei wurde gescreenshotet, sagt Eva Konzett und in Telegram-Kanälen von Corona-Leugner*innen geteilt. Diese hätten die Ärztin von da an ins Visier genommen. Sie hätten ihr unterstellt, sie würde lügen und schlecht über die Corona-Leugner*innen im Netz reden. Wenig später sei die erste Morddrohung bei der Ärztin per E-Mail angekommen.

Lisa-Maria Kellermayr habe direkt die Polizei über die Morddrohung informiert. Daraufhin habe die Polizei täglich in der Praxis der Ärztin angerufen und eine Streife vorbeigeschickt, sagt Eva Konzett. Nachdem es aber zwei Wochen lang zu keinem weiteren Vorfall gekommen sei, habe die Polizei die Maßnahme wieder eingestellt.

Wie die Impfdebatte die Ärztin mitriss

Im selben Zeitraum fand bereits eine breite Diskussion über die Impfpflicht in Österreich statt. In der Corona-Leugner*innen- und Impfgegner*innen-Szene habe das zu einer starken Dynamik geführt, erklärt Eva Konzett. "Das hat die Frau Kellermayr unheimlich abbekommen." Noch mehr Hassnachrichten und Bedrohungen hätten die Ärztin erreicht.

"Der Fall zeigt, wie groß das Problem mit dem Hass im Netz ist und wie wenig wir dem entgegensetzen können."
Eva Konzett, Journalistin bei der österreichischen Wochenzeitung Falter

Am 5. Mai dieses Jahres erhielt die Ärztin erneut eine Morddrohung, sagt Eva Konzett. Wieder habe Lisa-Maria Kellermayr die Polizei informiert, gleichzeitig wandte sie sich aber auch an die Öffentlichkeit. Eine deutsche Hackerin meldete sich daraufhin bei der Ärztin und bot ihre Hilfe an.

Sie habe im Netz den Bedroher ausfindig machen können: ein Neonazi aus dem Berliner Raum. Die Informationen seien an den österreichischen Verfassungsschutz weitergeleitet worden, der aber zum Ergebnis kam, dass die Beweisführung der Hackerin nicht eindeutig sei.

Bevölkerung entsetzt über den Tod der Ärztin

Bis zuletzt habe sich die Ärztin bedroht gefühlt, wie sie noch einen Tag vor ihrem Suizid gegen über der österreichischen Tageszeitung Der Standard äußerte. Der Staat müsse alle Bürger*innen schützen. Was ihr passiere, könne jedem widerfahren.

Die Menschen in Österreich reagieren mit großer Betroffenheit auf den Tod der Ärztin, sagt Eva Konzett. In mehreren österreichischen Städten werden Gedenkveranstaltungen abgehalten.

Zwei Dinge würde dieser Fall zeigen, so die Journalistin: Wie groß das Problem mit dem Hass im Netz sei und wie wenig dem entgegengesetzt werden könnte. Die Gesetze würden nicht greifen und es mangele auch an einer Sensibilisierung in den Polizei- und Justizbehörden.

"Diese Frau hat sich sehr alleingelassen gefühlt."
Eva Konzett, Journalistin bei der österreichischen Wochenzeitung Falter

Die Ärztin habe immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sie bedroht werde. "Das Problem ist, dass Bedrohungen, die aus dem Netz kommen, immer noch nicht wahrgenommen werden als das, was sie sind: Bedrohungen", sagt Eval Konzett. Zwar habe spät der Verfassungsschutz reagiert, aber für Lisa-Maria Kellermayr scheint die Bedrohung spürbarer als der Schutz gewesen zu sein.

Neben der großen Betroffenheit in der Bevölkerung, "gibt es aber auch eine sehr despektierliche Seite", sagt Eva Konzett. In Telegram-Gruppen und in Social Media würden Corona-Leugner*innen den Tod der Ärztin feiern und andere zum Nachahmen animieren.

Eine ausführliche Chronologie des Falls von Lisa-Maria Kellermayer hat die österreichische Tageszeitung Der Standard aufgeschrieben.

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Bestimmte Dinge beschäftigen dich im Moment sehr? Du hast das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu stecken? Wenn du dir im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen kannst oder möchtest, findest du hier einige anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote.

Wenn du selbst betroffen bist von Hassnachrichten, kannst du dich an die Beratungsstelle für digitale Gewalt HateAid oder die Hilfeseite No Hate Speech wenden.