Das fast schon epische Drama um die Nr. 1 der Tenniswelt hat scheinbar ein Ende gefunden: Novak Djokovic muss Australien verlassen - ein Bundesgericht hat den Einspruch gegen die erneute Annullierung seines Visums zurückgewiesen. Zuvor hatte die australische Regierung dieses zum zweiten Mal für ungültig erklärt. Der Fall ist 24/7 in allen Medien. Es ist wie bei einem Unfall: Wir wollen eigentlich nicht hinschauen, machen es aber. Ist das Voyeurismus? Schadenfreude? Beides?

Die Australian Open in Melbourne sind der erste Grand Slam des Jahres. 2022 werden sie aber ohne den Titelverteidiger stattfinden: Novak Djokovic muss Down Under verlassen und darf nicht an den Australian Open teilnehmen. Die Entscheidung der drei Bundesrichter James Allsop, Anthony Besanko und David O'Callaghan sei einstimmig gefallen, hieß es in einem Statement - die ausführliche Begründung soll frühestens am Montag erfolgen.

Im Streit um Corona-Nachweise hatte die australische Regierung zuvor das Visum des serbischen Top-Tennisspielers, der nicht gegen das Virus geimpft ist, zum zweiten Mal für ungültig erklärt. Seine Entscheidung sei gut begründet und im öffentlichen Interesse, hatte der australische Einwanderungsminister Hawke gesagt. Die Anwälte Novak Djokovics hatten Einspruch eingelegt und von einer irrationalen Entscheidung gesprochen – ihr Mandant habe herhalten müssen als Sündenbock für alle Ungeimpften.

Das Gefühl von Unfairness

Die letzten Tage und Wochen waren gefühlt eine einzige nicht enden wollende Auseinandersetzung um Djokovics Einreise, um Corona-Nachweise und unerlaubte Auftritte trotz positiver Testergebnisse.

"Ich glaube, viele von uns verfolgen den Fall Djokovic, weil wir gerade alle in einem Boot sitzen und das Gefühl haben: Das ist unfair. Und da werden wir neidisch."
Denise Ginzburg, Psychologin

Viele von uns verfolgen das Thema gerade so vehement, weil sie das Gefühl haben, in einem Boot zu sitzen und sich ja auch an die geltenden Regeln halten zu müssen, sagt die Psychologin Denise Ginzburg. Deshalb empfänden viele das, was dort passiert ist, als unfair.

Neid auf Sonderbehandlung eines Promis

Sie stellten sich die Frage: "Warum bekommt Djokovic eine Sonderbehandlung? Und wir anderen dürfen das nicht? Wir haben doch alle keine Lust auf die Corona-Regeln. Aber sie sind halt wichtig." Deshalb würden viele Menschen neidisch und würden eben ziemlich pingelig auf die Entwicklung der Causa Djokovic achten.

Wenn wir neidisch sind, tendieren wir meistens dazu, uns zu wünschen, dass es dem anderen "schlecht" geht, erklärt Denise Ginzburg. Um quasi so ein bisschen das Ungerechtigkeitsgefühl auszugleichen. Das sei ein bekanntes psychologisches Konzept.

"Wenn wir neidisch sind, tendieren wir meistens dazu, uns zu wünschen, dass es dem anderen 'schlecht' geht."
Denise Ginzburg, Psychologin

Wenn der entsprechenden Person dann diese Pseudo-Gerechtigkeit erteilt wird, freuen wir uns oft ganz genüsslich, erklärt die Psychologin. Das helfe zwar nicht wirklich, sei aber auch nicht grundsätzlich verwerflich, findet Denise Ginzburg. Das sei ein normales Empfinden, das jede und jeder von uns hat.

Schadenfreude sollte uns nicht lähmen

Problematisch werde es allerdings, wenn wir uns in diesem Gefühl der Schadenfreude verfangen bzw. verstricken. Oder wenn der Neid einfach so groß werde, dass wir unsere eigene Situation gar nicht mehr im Blick hätten. Denn ob Novak Djokovic jetzt in Australien festsitzt oder nicht, ändert ja erst mal nichts an unserem eigenen Frustrationsgefühl über die schwierige und dauerbelastende Coronasituation bei uns in Deutschland.

"Bei Neid und Schadenfreude ist der Fokus immer auf dem anderen und nicht auf mir selbst. Und genau das füttert den Neid und die Größe der Schadenfreude."
Denise Ginzburg, Psychologin

Es sei aber eben äußerst wichtig zu schauen, wie wir unsere eigene Lage verbessern und mit unserem Unzufriedenheitsgefühl anders umgehen können. Bei Neid oder bei Schadenfreude sei der Fokus immer auf dem anderen und gar nicht auf einem selbst. Und genau das verstärke Neid und Schadenfreude.

Aus dieser Spirale aussteigen könnten wir, indem wir uns zurück auf uns selbst besinnen – und in einem zweiten Schritt dann aktiv nach Lösungen suchen. Und wenn wirklich gar nichts geht, empfiehlt die Psychologin: tief durchatmen, einmal ein, einmal aus – und die Situation so akzeptieren. Und natürlich dürfe man dann "auch jammern und klagen und Serien gucken und Chips essen".

Hinweis: Das Gespräch ist vom 15. Januar, als die Entscheidung des Gerichts noch nicht feststand. Der Text wurde am 16. Januar aktualisiert.