Vater Staat kümmert sich. Geh laufen, Bürger, statt zu rauchen. Iß einen Apfel und laß den Schokopudding stehen. Uns soll es gut gehen. Kleine Stubser in die richtige Richtung helfen. Ist doch schön. Oder kann man ernsthaft was gegen einen fürsorglichen Staat haben?

Ab Mai 2016 sollen Raucher mit unappetitlichen Bildern vom Qualmen abgehalten werden. Wer mag schon genussvoll Nikotin inhalieren und im selben Moment Raucherlungen oder schlechte Zähne anschauen? Eben. Die Raucher werden künftig ein bisschen in Richtung Nichtrauchen geschubst. Sie werden genudgt.

"Ein Nudge ist ein Politikinstrument. Er nutzt Kenntnisse über menschliches Verhalten, die in Psychologie, Entscheidungstheorie und Verhaltensökonomie gewonnen wurden, um menschliches Verhalten zu steuern."
Robert Lepenies, Politikwissenschaftler

Das Bundeskanzleramt nudgt auch. Schon im Sommer 2014 wurden per Stellenausschreibung Bewerber mit "hervorragenden psychologischen, soziologischen und verhaltenswissenschaftlichen Kenntnissen" gesucht. Ihre Kenntnisse könnten dazu führen, dass wir alle etwas gesünder leben, sicherer im Straßenverkehr unterwegs sind oder uns besser ernähren.

"Experimente haben gezeigt, dass Menschen in ihrer Essenswahl stark durch die Platzierung der Speisen beeinflusst werden. Ist der Schokoladenpudding auf Augenhöhe, wird dieser eher gegessen, als wenn er in der zweiten Reihe im Buffet steht."

Gute Sache das, oder? Nö, meint unser heutiger Redner. Robert Lepenies lehrt er am Institut für Praktische Philosophie der Freien Universität Berlin. Seiner Ansicht nach passen Nudges nicht in eine Demokratie. Sie seien manipulativ.

"Nudges beeinflussen menschliches Handeln, ohne dass sich die Menschen dessen bewusst sind. Nudges stehen im Widerspruch zu demokratischer Selbstgesetzgebung."

Lepenies hielt seinen Vortrag mit dem Titel "Should We Nudge the Poor? Some Proposals on the Limits of Behaviourally Informed Policy-Making" am 9. Februar 2016 auf Einladung des Einstein Forums Potsdam - übrigens auf deutsch. Auch Anne van Aaken, Rechtswissenschaftlerin an der Universität Sankt Gallen, sieht die "kleinen Schübse" skeptisch.

"Sie haben ein Recht zur Unvernunft in der deutschen Verfassung."

Mit Anne van Aaken sprach Verena von Keitz am 21. Januar 2015 in der Redaktionskonferenz auf DRadio Wissen.

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