Es gibt inzwischen viele Firmen, die mit starren Hierarchien brechen. Aber wie arbeitet es sich eigentlich in so einem Unternehmen ohne Chef? Gibt es da nicht vielleicht neuen Stress, zum Beispiel, wenn die Mitarbeiter alles selber regeln müssen? Wir haben DRadioWissen-Reporter Paul Vorreiter losgeschickt, der sich bei einer Berliner Firma umgesehen hat. Dort arbeitet eine Abteilung seit einem Jahr ohne Chef.

Eine Almhütte mitten im Büro zum Chillen. Eine Telefonzelle und die Nerd-Ecke. So muss das wohl auch bei Google aussehen, nur in größer. Na gut, die Firma nimmt sich offenbar nicht so ernst. Das Betterplace Lab, das sind 12 Leute, die erforschen, wie die Welt mit Apps oder anderen digitalen Tools besser gemacht werden kann. Das tun sie im Auftrag von Stiftungen, Ministerien, NGOs oder Firmen, die das Lab wiederum bezahlen.

Almhütte im Großraumbüro
© DRadio Wissen | Paul Vorreiter
Ruhe ist in der Almhütte zu finden.

Die Teamverfassung

Damit diese Jobs auch ohne Chef erledigt werden, hat sich das Team eine Verfassung gegeben, die bestimmte Regeln festsetzt. Für jedes Projekt bestimmen die Kollegen Projektleiter. Die übernehmen die Verantwortung und berichten den Kollegen in wöchentlichen Teammeetings, wie weit sie sind. Das soll verhindern, dass keiner mehr was macht, dass keiner weiß, was die anderen machen und dass sich niemand im Budget verkalkuliert. Ansonsten gilt: wer wie arbeitet, wann er geht, ob er zuhause arbeitet, wie der Urlaub fällt - das können die Mitarbeiter selbst organisieren.

Wie Entscheidungen getroffen werden

Entscheidungen, die das Team als Ganzes betreffen, werden mit Zweidrittelmehrheit getroffen. Selbst Gehälter werden so festgelegt. Wie das funktioniert, erklärt Franziska. Sie ist 29. Seit zwei Jahren schon beim Lab und kümmert sich unter anderem um Teamfragen:

"Dem Ganzen geht ein bisschen was voraus. Feedbackprozesse, Feedbackschleifen. Dann schreibe ich meinen Gehaltspitch. Dann gibt's parallel natürlich auch noch einen Blick auf das Budget."
Franziska Kreische von gut.org

In diesem Fall also des Jahres 2017. Im Anschluss gibt es ein Meeting und jeder darf jedem nochmal Feedback geben und seine Meinung dazu äußern. Das ist die Stelle, in der ehrlich angemerkt werden kann, ob das Gehalt aus Sicht des anderen zu hoch oder - das gab es auch - zu niedrig ist. Beide Fälle gab es im letzten Jahr.

Teammeeting
© DRadio Wissen | Paul Vorreiter
Alle an einen Tisch und diskutieren.

Schlichtung von Streitfällen

Weil kein Chef da ist, der schlichten kann, müssen die Teammitglieder das auch selber übernehmen. Dazu wurden vier Konfliktlösungen definiert.

  1. Ich suche die Lösung in mir.
  2. Ich suche die Lösung mit dir.
  3. Wir suchen die Lösung mit einem Vermittler, das kann ein Teammitglied sein. Das kann aber auch jemand von außen sein. Und diese Person sucht bei nicht zu erzielender Einigung die Lösung im vierten Lösungsweg.
  4. Wir suchen die Lösung mit einem Entscheider. Diese Person ist dann nicht nur Mediator, sondern derjenige entscheidet auch für oder gegen ein Teammitglied

Das Team hat sich diese Regeln in einem monatelangen Prozess mit vielen Diskussionen zusammengelegt. Etwa ein Jahr läuft das Projekt schon.

DRadio-Wissen-Reporter Paul kommt zu dem Ergebnis, dass es viel Diskussionsbedarf gibt bei diesem Arbeitsleben ohne Chef. Sich hinter einer Chefentscheidung zu verstecken, ist ausgeschlossen. Und weil es keinen Chef gibt, gibt es auch kein Hintenrum. Im Teammeeting muss alles offen auf den Tisch. Zumindest wirkt das auf Paul so. Ganz klar haben die Teammitglieder mehr Verantwortung. Aber alle machen das, was sie tun, gerne. Das bestätigt auch Franziska.

"Jeder kommt - glaube ich - ein bisschen zufriedener und glücklicher auf die Arbeit, wenn er auch wirklich kreieren und mitschaffen darf und nicht einfach nur abarbeiten muss."
Franziska Kreische von gut.org
Paul Vorreiter und der Bürohund Dino
© DRadio Wissen | Paul Vorreiter
Chef nein, Bürohund ja. (Autor Paul mit Hund Dino)

Ob so die Arbeit der Zukunft aussieht, weiß Paul am Ende seiner Recherchen nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine interessante Idee, dieses Büro ohne Chef.