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Wer "1000 Serpentinen Angst" von Olivia Wenzel nicht bis zum Ende durchliest, wird nicht alles verstehen. Wer aber verstehen will, wie es sich als schwarze Deutsche unter weißen Deutschen lebt, dem sei dieses großartige Debüt ans Herz gelegt, meint Buch-Expertin Lydia Herms.

Stell dir vor, du sitzt mit deinem Freund am Badesee. Außer euch sind noch ein paar Familien am Wasser. Es ist viel Platz für alle. Dann kommen zwei Männer und zwei Frauen. Sie schauen auf den See, als gehöre er ihnen. Sie ziehen sich aus. Legen ihre Klamotten zusammen. Einer von ihnen hat ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert. Zwei Familien beginnen sofort synchron und schweigend ihre Sachen einzupacken. Dir bricht kalter Angstschweiß aus. Du bist schwarz.

Stell’ dir vor, ein Nachbar beleidigt dich und deinen Bruder rassistisch. Ihr seid Kinder. Du gehst an einem Polizeiauto vorbei. Du nimmst die Hände aus den Taschen. Du stehst in einem Spielwarengeschäft. Alle Babypuppen sind weiß. Im Fahrstuhl steht eine Frau im ThorSteinar-T-Shirt. Du nimmst die Treppe.

"Die Protagonistin in Olivia Wenzels Romandebüt '1000 Serpentinen Angst' kämpft. Es ist nicht einfach zu sagen, wofür sie kämpft, oder wogegen. Sie kämpft vor allem um sich selbst."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Den Namen der Protagonistin in Olivia Wenzels Romandebüt kennen wir nicht. Wir wissen, dass sie in den 1980ern im Thüringen der DDR geboren wurde, gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder, dessen Name sie nicht ausspricht, weil es zu sehr weh tut – denn er ist tot.

Der Vater ist schwarz, die Mutter ist weiß

Die Mutter ist Deutsche und weiß. Ihr Vater ist Angolaner und schwarz. Während der Vater kurz nach der Geburt der Kinder nach Angola zurückkehrt und sich dort ein neues Leben aufbaut, hadert die Mutter mit dem sozialistischen System und ihrer Rolle als Alleinerziehende. Sie wollte immer weg aus der DDR, wollte frei sein. Mit ihrer Mutterschaft zerplatzt der Traum von Freiheit.

Mit ihrer Tochter kann sie nicht über die Vergangenheit reden

Dreißig Jahre später kann sie nicht unbefangen mit ihrer Tochter darüber sprechen, was damals passiert ist: Warum sie verhaftet und eingesperrt wurde. Warum sie nach der Wende so oft allein verreist ist und die Kinder in der Obhut der Großeltern oder irgendwelcher Freunde gelassen hat. Und warum sie irgendwann ganz den Kontakt zur Tochter abbricht.

Wie es ist, sich gegen Rassismus zu wehren

Wer verstehen will, wie es sich als schwarze Deutsche unter weißen Deutschen lebt, wie es ist, nicht auffallen zu wollen, aber immer auffallen zu müssen, wie es ist, sich gegen einen Rassismus zu wehren, den viele noch immer nicht als solchen erkennen wollen, wie es ist, als junge Frau sich selbst kennen- und lieben zu lernen, der sollte dieses Buch lesen, empfiehlt unsere Autorin Lydia Herms.

Das Buch: Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst, S. Fischer, 359 Seiten,
gebundene Ausgabe (Hardcover): 21 EUR, E-Book: 18,99 EUR; ET:
04.03.2020