Onychophagie ist der Fachbegriff für das unfreiwillige Kauen von Fingernägeln. Die üblichsten Gründe: Angst und Nervosität. Eine neue Studie aus Kanada zeigt jetzt aber, dass auch Perfektion dahinter stecken könnte.

"In einer Stress-Situation will ich etwas tun, kann es aber nicht. Als Alternative kaue ich Nägel. Die Psychologen sprechen da von Leerlaufhandlungen."
Nilofar Elhami, DRadio Wissen

Forscher sagen: Wir kauen zwanghaft Fingernägel oder reißen Haare aus, wenn wir etwas verarbeiten müssen, wenn wir innere Unruhe oder inneren Stress haben. Forscher von der Universität Montreal haben jetzt in verschiedenen Experimenten herausgefunden, dass Leute, die Nägel kauen, das intensiver machen, wenn sie davon abgehalten werden, eine Aufgabe zu beenden.

Wenn man Nägelkauer sechs Minuten alleine lässt...

Oder wenn sie davon abgehalten werden, etwas Sinnvolles zu tun, so dass bei ihnen Langeweile oder Ungeduld aufkommt - zum Beispiel, wenn sie sechs Minuten in einem Zimmer alleine gelassen werden. Die Forscher glauben, dass diese Leute Perfektionisten sind, die nicht entspannen können - und deshalb anfälliger sind für Frust, Ungeduld und Unzufriedenheit, wenn sie ihre Ziele nicht erreichen können.

"Wenn Sie einen sehr spannenden Film sehen und sie möchten sich dem entziehen, dann neigt die Psyche dazu, eine Übersprungshandlung vorzunehmen, zum Beispiel an den Nägeln zu kauen."
Georg Krause, psychologischer Berater in Köln

Nilofar Elhami kaut an ihren Nägeln, wenn sie auf der Arbeit einen Text schreiben muss, der sie Kraft kostet und anstrengt. Am liebsten würde sie aufstehen. Stattdessen bleibt sie vor dem Computer sitzen und kaut Fingernägel.

Und was können wir dagegen tun?

Bei Kindern und Jugendlichen helfen oft bitter schmeckende Tinkturen, aufgetragen auf Nagel und Nagelbett. Das funktioniert meist nur in harmlosen Fällen. Wenn das Kauen eine Zwangserkrankung ist und zu den Neurosen gehört, wäre eine Tinktur sogar eher kontraproduktiv, sagt Georg Krause. Denn man würde dann unter Umständen nur eine negative Angewohnheit gegen eine andere austauschen.

"Die Psyche könnte dann eine neue Entspannung suchen. Das könnte, was häufig miteinander verknüpft ist, Trichotilomanie sein, das Ausreißen von Haaren."
Georg Krause, psychologischer Berater in Köln

Wer kaut, will eigentlich entspannen und sich beruhigen. Ähnlich wie beim Rauchen, sagt Georg Krause.

"Ein Raucher könnte auch ohne Zigarette entspannen, aber er glaubt, er braucht dazu eine Zigarette. Beim Kauen ist es ähnlich."
Georg Krause, psychologischer Berater in Köln