1,4 Millionen eingescannte Bücher hat die Online-Bibliothek Open Library. Genau wie Streamingdienste hat die Plattform jetzt ihre Regeln gelockert und ihr Angebot geöffnet. In Corona-Zeiten könnten das viele gut finden. Doch der US-Autorenverband ist stinksauer.

Bücher ausleihen läuft bei der Open Library eigentlich genauso ab wie eine E-Ausleihe in der Stadtbibliothek: Jedes digitale Buch kann zur gleichen Zeit nur von einer Nutzerin oder einem Nutzer ausgeliehen werden. Erst nach Ablauf der Leihfrist bzw. nach der Rückgabe ist das E-Book dann wieder für die nächste Ausleihe verfügbar.

"Die Open Library hat den Lese-Notstand ausgerufen und sich umbenannt in National Emergency Library."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Aktuell hat die Open Library - die sich jetzt in "National Emergency Library" umbenannt hat - ihre Vorgehensweise aber geändert: Sie stellt ihren Bestand beliebig vielen Usern gleichzeitig zur Verfügung. Ein E-Book kann also von mehreren Usern gleichzeitig ausgeliehen werden.

Man wolle so der Öffentlichkeit und vor allem den Studenten den Zugang zu Büchern gewährleistet. Öffentlichen und Uni-Bibliotheken sind in den USA und vielen anderen Ländern weltweit geschlossen.

Autorenverband läuft Sturm

Die Author’s Guild, der US-Autorenverband protestiert lautstark gegen die Öffnung der Open Library. Denn mit dem sozusagen unbeschränkten Gratis-Zugang würde diese den Autoren in den Rücken fallen.

Das durchschnittliche Jahreseinkommen von US-Autoren betrage ohnehin gerade mal 20.300 Dollar. Wegen Corona hätten die Autoren zurzeit finanzielle Einbußen, argumentiert die Author’s Guild. Sämtliche Lesungen und Vorträge fielen weg, Buchläden seien dicht, kleinere Verlage gingen pleite.

"Der Autorenverband glaubt nicht, dass die Studenten das Angebot der Open Library überhaupt brauchen."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Außerdem bezweifelt der Autorenverband, dass es den angeblichen Ausleihbedarf bei Studenten überhaupt gibt. Diese griffen nämlich seit langem sowieso schon überwiegend digital auf ihre notwendige Lektüre zu. Und: Auch in Corona-Zeiten seien über 100.000 öffentliche US-Bibliotheken digital geöffnet. Das elektronische Ausleihangebot sei dort weiterhin normal verfügbar.

Davon abgesehen dürfe Open Library laut Autorenverband sowieso nicht mal Bücher an einzelne Personen ausleihen. Sie hätte nämlich im Gegensatz zu normalen Bibliotheken keine Leih-Lizenzen gekauft. Die ganze Corona-Sonderaktion sei nur ein Vorwand, eine falsche "Urheberrechtsideologie" voranzutreiben.

Reaktion der Open Library

Die Open Library hat inzwischen auf den Protest der Author’s Guild reagiert. Sie betont, dass ja auch bei der nun gleichzeitigen Ausleihe die normalen digitalen Schutzmaßnahmen erhalten blieben. Die Ausleihe – auch ohne Lizenz – falle unter die sogenannte "Fair Use"-Regel, die in den USA erlaubt, unter bestimmten Umständen, urheberrechtlich geschütztes Material zu verwenden.

Die Open Library habe sehr wohl das Recht, Bücher ohne Genehmigung einzuscannen und zu digitalisieren, sagt sie.