Vor einem Jahr ist der Paragraf 219a reformiert worden. Kersten Artus von Pro Familia hofft weiter, dass er komplett gestrichen wird. Schwangere sollten sich online direkt bei den Praxen informieren können.

Paragraf 219a regelt das Werbeverbot für Abtreibungen. Das Gesetz ist am 21.02.2019 nach langer Debatte über die Abschaffung geändert worden. Bis dahin durften Ärztinnen und Ärzte nicht öffentlich machen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen.

Seit letztem Jahr dürfen sie auf ihrer Website angeben, dass sie den Abbruch anbieten. Sie dürfen weiterhin nicht selbst online darüber informieren, wie eine Abtreibung bei ihnen genau abläuft und welche Medikamente sie einsetzen.

Schwangere unter Zeitdruck

Diese Informationen lassen sich auf der Website der Bundesärztekammer auf einer zentralen Liste abrufen. Kersten Artus hat die Veränderung in der Praxis beobachtet. Sie ist ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Vereins Pro Familia in Hamburg.

Kersten Artus erinnert daran, dass Frauen, die eine ungewollte Schwangerschaft beenden wollen, häufig unter extremem Zeitdruck stehen. Sie könnten erwarten, sich möglichst aktuell, direkt auf den Seiten der jeweiligen Praxis zu informieren. Weite Anfahrten für Beratungsgespräche stellten manche Patientin auch vor finanzielle Probleme.

"Manchmal wissen sie nicht, in welcher Schwangerschaftswoche sie sind. Wenn man dann vielleicht schon in der zehnten oder elften Woche ist, dann hat man nicht unbedingt Zeit zu warten."
Kersten Artus, Pro Familia, Hamburg

Kersten Artus setzt sich weiterhin für die Abschaffung des Paragrafen 219a ein. Es müsse in der Verantwortung der Ärztinnen und Ärzte liegen, darüber zu informieren, dass sie Abbrüche durchführen und worauf sich die Frauen dann noch einstellen müssen oder können. Sie findet das Informationsangebot der Ärztin Kristina Hänel, die sich seit Jahren für eine Abschaffung des Paragrafen 219a einsetzt, vorbildlich.

Debatte mit politisierender Wirkung

Insgesamt findet Kersten Artus, dass die Diskussion um die Abschaffung schon etwas gebracht hat, wenn auch das Gesetz weiter in Kraft ist. Viele Frauen und Medizinerinnen und Mediziner seien politisiert worden. Sie hofft, dass es in Zukunft eine politische Mehrheit für die Abschaffung des Paragrafen 219a gibt.

"Es ist eine richtige Bewegung entstanden. Ich nenne es einfach mal neue Frauenbewegung, die ihre reproduktiven und sexuellen Rechte einfordert."
Kersten Artus, Pro Familia, Hamburg

Kersten Artus Kritik sieht in der zentralen Liste, also in den bundesweit gebündelten Informationen zu Abtreibungen, eine Art Pranger. Die Liste biete Abtreibungsgegnern eine Angriffsfläche. Kersten Artus beschreibt, dass ein Abreibungsgegner das Dokument auf seiner Homepage nutze, um Frauen einzuschüchtern und Ärztinnen und Ärzte zu diffamieren, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen.

Sie berichtet, ein Abtreibungsgegner habe die Liste bereits kopiert und mit zusätzliches Bildmaterial manipulierend eingesetzt, um Frauen einzuschüchtern.