Erst hat Wolodymyr Selenskyj den Präsidenten in einer Fernsehserie gespielt - jetzt ist er tatsächlich Präsident der Ukraine. Und weil das Rezept so gut funktioniert hat, hat er das gleiche auch mit seiner Partei versucht. Bei den Parlamentswahlen stand die neu gegründete Partei "Diener des Volkes" zur Wahl. Der Name der Partei stammt - richtig - auch aus der Politserie mit Selenskyj. Und - zack - vereint die Partei bei den vorgezogenen Wahlen am Wochenende 42 Prozent der Stimmen auf sich.

Seit Mai ist Wolodymiyr Selenskyj bereits Präsident der Ukraine, arbeiten konnte er aber bislang nicht so richtig. Denn das Parlament wurde vor allem von seinen politischen Gegnern dominiert. Also hat Selenskyj entschieden, dass die Parlamentswahlen vorgezogen werden, um endlich auch regierungsfähig sein zu können. Jetzt, wo seine Partei diese Wahlen gewonnen hat, sagt Korrespondent Florian Kellermann, steht Selenskyj aber auch in der Pflicht, zu liefern.

Auch wenn die Stimmen zum Zeitpunkt des Gesprächs (22.07.2019, 6:48 Uhr) noch nicht vollständig ausgezählt sind: Ganz ohne Koalitionspartner wird es wohl nicht funktionieren, glaubt Florian Kellermann. Einer der möglichen Koalitionspartner wäre die ebenfalls neue Holos-Partei, gegründet vom Sänger Swjatoslaw Wakartschuk. Die hat zwar nur so grade die Fünf-Prozent-Hürde geschafft, wird aber von vielen mit der Selenskyj-Partei verglichen. Denn auch bei der Holos-Partei sind vor allem jüngere Wählerinnen und Wähler, viele davon waren bei den Protesten auf dem Maidan dabei.

Noch hat Selenskyj keine Rezepte

Als Ziele hat Präsident Selenskyj ausgegeben: den Krieg im Donezk-Becken zu beenden und die Korruption zu bekämpfen. Das Problem bislang: Er sagt eigentlich nicht so richtig, wie er das machen will. Denn auch, wenn er vorgibt, er wolle das alte Personal auswechseln - das allein reicht nicht, sagt Korrespondent Florian Kellermann. Denn auch die Institutionen müssten verändert und Kontrollmechanismen installiert werden. Dazu müssten Behörden transparenter arbeiten, damit auch die Öffentlichkeit Kontrolle ausüben kann und auch bei den Gerichten stehen Reformen an.

Positiv bewertet Florian Kellermann, dass es im Umfeld von Selenskyj viele engagierte Menschen gibt, "die auch was drauf haben". Als neuen Regierungschef will Selenskyj einen "Guru der Wirtschaftswissenschaften", möglichst unabhängig und bislang am besten ohne hohe politische Ämter. Wen er da genau im Blick hat, ist nicht klar. Und auch, ob diese Anforderungen überhaupt jemand erfüllen kann. Und bei allem Willen zur Reform gibt es natürlich auch Gegenkräfte, die dafür sorgen wollen, dass die alten Machtverhältnisse gewahrt bleiben.

"Er kommt rüber, wie ein guter Kumpel, mit dem man gerne ein Bier trinken geht. Auch für die älteren Leute ist er der perfekte Schwiegersohn irgendwie."
Florian Kellermann über die Außenwirkung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj

Aktuell lebt Selenskyj vor allem von seiner Ausstrahlung und der Fähigkeit, bei öffentlichen Auftritten zu glänzen. Er spielt mit Sprache, wechselt problemlos vom Ukrainischen ins Russische und ist in seinem Element, wenn er auf der Bühne steht und Fragen von Journalisten beantwortet, so die Beobachtung des Korrespondenten.